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Donnerstag, 31. Oktober 2019

Wir Fthinoporophilen

„Endlich November!“, jauchzen alljährlich wir Fthinoporophilen, zu deutsch Herbstliebenden.
Wenn dieser törichte Lichtkult mit seinem Gute-Laune-Terror endlich abgelöst wird. 
Wir wollen den Sommer-Hit ebenso nicht mehr hören müssen wie den Rasenmäher, und wir wollen nicht mehr schwitzen. Uns Fthinoporophile lockt die reine, klare Unwirtlichkeit ins Freie.
Wir baden im Nebel, der die Scheußlichkeiten der Vorstädte gnädig verhüllt.
Heute bedeckte der erste Rauhreif würdevoll weiß die vom Klimawandel geschundenen Tannenzweige.
Die Spätherbstzeit lieben die vom Glück Verschonten besonders und sehen deshalb jetzt glücklicher aus als die vom Dauerglück Heimgesuchten.
Endlich zwängen wir uns nicht mehr an den jährlich enger stehenden Straßenkaffeestühlen vorbei oder suchen nach lächerlichen Ausreden, warum wir nicht im trüben See baden.
Doch hüten wir unsere Zungen.
Die Herbsthasser verstehen nichts.
So ist der Herbst für unsere Minderheit die Zeit, in der sich unsere Ausgrenzung erneuert.
Es zählt nicht, dass wir bis vor kurzem noch die Sommerbegeisterung tolerierten und im Büro geblieben waren, als alle Anderen nach karzinogener ultravioletter Strahlung gierten. Niemand fragte mitfühlend, ob diese Sucht nach Schweiß und Gedränge uns abstoßen könnte. Wenn die Wetterfee im Fernsehen uns ungefragt vereinnahmte im tumben Jubel über das nächste runterziehende Hoch.
Wir unsererseits verlangten nie jemandem eine Erklärung ab, warum er sich den Leiden der Hitze noch durch südwärtige Flugfluchten in der Spätsaison unterwarf. Jeder ist seiner Qualen Marquis.
Wenn sie dann alle wiederkamen aus ihren Backöfen am Mittelmeer, reuelos, verbrannt und zerstochen, verkatert und unglücklich verliebt, haben wir sogar Neid geheuchelt.
Doch dürfen wir auf die gleiche Toleranz und höfliche Heuchelei der Sommersüchtigen nicht hoffen.
Es ist um diese Zeit keine Wärme mehr übrig.   
Aber es zeichnet uns aus, dass wir gelassen bleiben, friedlich und entspannt. Wie unser Vorbild, der November. 

Montag, 28. Oktober 2019

Abgehängt

Wenn ein Foto zwei Menschen zeigt, die sich mit den Armen untergehängt, eingehakt haben, ist es ein altes Foto.
Ich schaue es an und überlege mal wieder, ob ein Kulturverlust vorliegt oder eine Emanzipation.
Weiß man ja nie so genau.
Das Einhängen oder Unterhängen war vor allem beim Spazierengehenn eine beliebte, wie wir Heimwerker sagen: formschlüssige Verbindung. Meist hängte sich die Dame beim Herrn unter. Aber ich sah es früher auch unter sowjetischen Soldaten im Ausgang. Ich las es von Franz Kafka und Max Brod.
Heute laufen die meisten Menschen entkoppelt.
Klar, das Weltall dehnt sich aus. Seelische Zentrifugalkräfte bringen die Menschen auf entferntere, eigene Umlaufbahnen.
Mit der Disco hatte es irgendwie in den Siebzigern angefangen. Wir nannten das „Auseinander tanzen“. Die Musik schleuderte uns in den Orbit des Partners.
Mittlerweile kann man auseinandertanzen sogar zusammenschreiben, nur dass diese Schreibweise, was die Alleinerziehenden der Rechtschreibreform übersehen haben, den Vorgang verändert. Es ist jetzt ein fortschreitendes Sichentfernen  statt eine chronische Distanziertheit.
Aber zurück zum Eingehängtsein, denn ich drohe, thematisch auseinanderzutanzen..
Das Verschwinden des Sicheinhängens kann viele Ursachen haben, etwa dass heute die Fußwege ebener sind und niemand mehr ein mitlaufendes menschliches Geländer benötigt.
Das Einhängen war für die Dame oft kein zusätzlicher Aufwand, weil die Handtasche sowieso irgendwie gesichert werden musste. Da hatte der Mann mal einen Verwendungszweck und übernahm statisch sogar noch etwas Taschenlast. Wenn der Mann sich umschaute, um etwas Schönem (Frau, Auto) nachzuschauen, genügte auch ein diskreter Ruck im Ellenbogenbereich. Eingehängt war auch angeleint.
Das Loslassen lässt mich nicht los. Warum wirkt das Einhängen altmodisch? Warum verspürte ich selbst nie ein Bedürfnis nach dieser Art von Nähe in der Öffentlichkeit? Genauer gesagt: nach dem Zeigen von Nähe. Man behält das Zuzweitsein für sich, sogar unter Heterosexuellen. Nur nicht Hängenlassen.
Mal wieder die Frage: werden wir freier oder einsamer?
Sollte man sich auch wieder mit den Armen verlinken? Organische Netzwerke bilden?

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Paradiesische Missstände

An einem „Taschenparadies“ vorbeigekommen.
In logischer Konsequenz, denke ich, muss dieses ein jenseitiger Ort sein, an welchem tugendhafte Taschen (die nichts zu verbergen haben?) ein angenehmes Dasein in Ewigkeit fristen.
Komplementär dazu müsste es übrigens auch eine Taschenhölle geben, einen Orkus bösartiger Börsen, handgreiflicher Hand- oder Reisetaschen, ewig büßend für klemmende Reißverschlüsse und dergleichen.
Oder meint das Taschenparadies durchaus eines für Menschen, nur im Kleinformat? Damit man immer eins dabei hat in der Hölle?
Das Wort „Taschenparadies“ ist übrigens ebenso irreführend wie das ebenfalls einmal von mir erspähte „Schnitzelparadies“.
Zwar tritt hier das Postmortale deutlicher hervor, doch dürfte sich buchstäblich kein Schwein sonderlich danach sehnen, in diesem Paradies in die Pfanne gehauen zu werden.
Ist überhaupt je ein Paradies verheißen worden, dass die Vorfreude darauf verdient?
Mit meinen Zweifeln schließe ich mich Taschen und Schweinen an.

Dienstag, 22. Oktober 2019

Dresscodes der Sklaven

Postbotin und Politesse erschienen in wie immer gegensätzlicher Mission: Bringen und Nehmen.
Ich bemerkte gleichwohl, dass sie mich durch ihre Kleidung nicht beeindrucken wollen.
Jeder Anschein von Obrigkeit wird vermieden. Nichts außer der Bestimmtheit eines Strafzettels erinnert bei der Nemesis des Ordnungsamtes an die Zeit der einschüchternden Uniformen. Alle, die früher in solchen steckten, sehen heute entspannt aus. Irgendwie nach Freizeit, obwohl sie diese, und da wäre ich eher bei der Postzustellerin, immer weniger haben
Die in heutigen Zeiten harter Zustelltakte schweißdurchlässige, wespenfarbene Funktionswäsche des Postlers ist, wie alles pur Praktische, leider unausweichlich hässlich. Aber sicher wetterfest in jeder Beziehung. Sie trotzt Starkregen ebenso wie Flirtversuchen. Ein Touch von Bergwandern im Pamir umgibt sie, wo man auch amodisch herumläuft, weil oberhalb von fünftausend Metern außer notgeilen Yetis niemand zur Würdigung des Outfits vorhanden ist.
Ein Doppelsinn des Wortes "postmodern" stößt mir auf.
Man kauft den Postbringenden jede Lohnforderung ab, während man einst den verbeamteten Postboten in der soliden Uniform mit ihren Kragenspiegeln und hier ein Posthorn, da ein Posthorn natürlich gut versorgt wähnte.
Aus und vorbei.
Ich glaube, dass Briefträger auch seltener von Hunden gebissen werden, weil sie jetzt den ultimativen Verpiss-dich-Dress haben. Na gut, und ein Auto. Die alte Uniform musste ja auch das Fahrrad kompensieren. Heute ähneln die Postboten frappierend den Paketen, die sie austragen.
Die Parkstrafzettel hingegen werden in, ich nenne das, Verharmlosungstracht ausgestellt. Hier soll die Kleidung den Schrecken der Gewalt lindern. Doch gelingt es nicht, die Angst zu nehmen, wenn der Parkautomat mal wieder defekt ist und bürgerlicher Gehorsam dadurch unmöglich wird. Wird mein liebevoller "Automat kaputt"- Zettel im Fenster Eindruck machen?  Ich sollte der friedfertig wirkenden Haube, die auch einen Hauch von fürsorglicher Krankenschwester hat, nicht glauben. Das kecke Hütchen zitiert bei genauer Betrachtung wohl auch eher die Jagd. Oder den Räuber Robin Hood, der seine Beute an die Bedürftigen gegeben hat? Auch die Einnahmen des Ordnungsamtes fließen ja in die Kasse der Allgemeinheit. So wie früher in diesen Hüten eine Fasanenfeder steckte, könnte sich sich einen Mercedesstern anheften.
Plötzlich fällt mir ein, dass ich es in ganz jungen Jahren zum Oberpostsekretär gebracht hatte, weil die Technik beim Rundfunk damals zur Post gehört hatte. Wir brauchten aber keine Uniform zu tragen, nicht einmal zu besitzen. Es fühlte sich an wie ein Privileg der Freiheit. Dieses Gefühl ist ohnehin durch kein verordnetes Kleidungsstück zu erreichen.
Die Dienstkleidungen von heute suggerieren freilich fälschlich, dass die Uniform überwunden ist. Es ist nur intensiv an ihrer Verharmlosung herumdesignt worden. Uniformiertheit weitet sich sogar aus, und sei es, dass irgendwelche PR-Teams im gleichen T-Shirt Flyer verteilen.
Am kuriosesten sind mir die uniformierten ModeratorInnen bei Sky Sport. Warum müssen die gleich gekleidet sein? Geht das eher in Richtung Vereinstrikot? Nein, sie sehen ein bisschen aus wie Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens. Manchmal passt es immerhin zum Fußballspiel.

Sonntag, 20. Oktober 2019

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (1)

Liebes Tagebuch,
Alexa hat es mir übel genommen, dass ich noch nie mit ihr geredet habe. Sie war auf diesem Stick mit drauf, den es zum Fernsehen dazu gibt, und ich habe damals noch oldschoolmäßig gedacht, ich könnte das einfach ignorieren.
Aber jetzt blendet sie von Anfang an, wenn man der Auswahl von Inhalten stöbert, ständig ungebetene "Tipps" ein. Alle paar Sekunden neu. Zum Beispiel soll ich einen konkreten Film sehen wollen, den ich nicht leiden kann, weil ich Clint Eastwood, der den gemacht hat, nicht leiden kann, seit er Wahlkampf gegen Obama gemacht hat. Das interessiert Alexa nicht. Sie fordert mich alle paar Minuten erneut auf. 
Ich habe erstmals den Mikrofonknopf gedrückt und zu Alexa gesagt: "Ich möchte keine dieser Tipps mehr eingeblendet haben."
Die ungeheuerliche Antwort machte mir dann richtig Gänsehaut: "Ich bin mir da nicht sicher."
Was soll das heißen? Dass ich  nicht weiß, was ich will? Dass ein Algorithmus es besser weiß? Sind wir so weit? Wir sind so weit.
Die unentwegten Einblendungen lassen sich, lerne ich, nur abstellen, in dem ich den Fire-Stick wegwerfe. Schade, denn ich habe durch ihn durchaus Zugriff auf gewünschte Serien und Filme, auch auf Youtube, oder ich kann per App bisweilen Ausschusssitzungen des Bundestages folgen, was durchaus interessant ist. Es gab da zum Beispiel mal eine Anhörung zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Ich lernte dort, dass man sich nicht sehr sorgt.
Jede Nützlichkeit wird heute ausgebaut als Vehikel zur Unmündigkeit des Nutzers. Dieser muss vor allem und unbedingt konsumieren, sehen, was vorgesehen ist für ihn zu seiner Disziplinierung als Konsument. Man hält ihm den günstigen Preis vor, den er lediglich zu zahlen hat. Aber er darf keinen höheren Preis bezahlen und sich auf solche Weise erlösen, denn die Unabhängigkeit von der Manipulation wäre zu unternehmensschädlich. Pay-TV wie Sky ist auch nicht (mehr) werbefrei, um die Illusion zu rauben, als Verbraucher steuern zu dürfen, was in ihn eindringt. 
Erzogen wird zu freiwilliger Ohnmacht, als notwendige Voraussetzung gesteigerten Konsums. 
Sicher kann man diese ständig aufploppenden "Tipps" aushalten. Aber die Demütigung des Intellekts quält: "Tipp: Alexa, wo ist meine Bestellung." Ich habe gar nichts bestellt. "Tipp: Alexa, was gibt es bei audible kostenlos?" Die Antwort weiß ich: "Schrott." 
Blödester aller "Tipps": "Tipp: Alexa, was kann ich ausprobieren?" 
Alles, nur nicht die 'Tipps' abzuschalten.
Ausprobiert werden wir selbst, Schritt für Schritt.

Samstag, 19. Oktober 2019

Der abgedrehte Drehknopf

Manchmal denke ich, es sollen die Alten und Sehschwachen mit Absicht aus der Nutzung der Technik rausgekickt werden.
Noch zwei Fernbedienungen mehr auf dem Sofatisch, und es braucht nicht mal mehr Demenz, um das nächste "Sommerfest des deutschen Schlagers" unerreichbar zu machen.
Ganz zu schweigen von einer an sich nützlichen Hilfe für Sehbehinderte, der man schon mal boshaft den Zungenbrecher "Audiodeskription" verpasst hat. Um die einzuschalten, braucht man Adleraugen und technikfolgsame Intelligenz 2.0.  Die es brauchen, finden es nicht. Es herrscht schließlich Digitaldarwinismus.
Hilfen sind heute sowieso keine, sondern höhnende Simulationen derselben.
Es ging los mit der Abschaffung von Drehknöpfen aller Art.
Knöpfe waren Designern Dornen in den Augen. Je weniger zu erkennen waren, desto schöner erschien ihnen das Gerät. Wahrscheinlich wäre ein völlig armaturenfreier Gegenstand das Schönste überhaupt. Ein Stein zum Beispiel. Das wusste bestimmt schon Ötzi. Und dazu kehren wir heute zurück, nur ist der Faustkeil von heute das Smartphone. Scheinzeit statt Steinzeit. 
Das Drehknopfverbot reichte irgendwann nicht mehr aus, um heutig zu sein und die SeniorInnen abzuhängen, die nicht gut fürs Image sind, wenn ausgerechnet sie als Ascheanwärter ein Produkt loben.
Aber ganz so leicht hängt man sie nicht ab. Die Alten von heute schlucken ja heimlich Ginseng und joggen geistig mit Sudoku. Sie kriegen trotz Touchscreen und Multifernbedienung einen Sender rein (den sie meist gleich wieder aus machen). Es braucht langsam neue Altensperren.
Eine ist die Pflicht, sich namentlich anzumelden für irgendeinen Shop, Club oder Äpp. So alte Knöpfchendreher sind nämlich misstrauisch und melden sich nicht gern namentlich an. Sie haben schon viel Schreckliches erlebt und sind darauf nicht mehr so neugierig wie Junge.
Jede Generation versucht, die vorhergehende zu überwinden, erst recht in einer Welt, in welcher gegenseitiger Respekt sozialer Goldstaub ist.
Das Verlebte abstoßen wie eine Raumkapsel die Trägerraketenstufen.
Netterweise könnte man ein bisschen Kram mit Drehknöpfen zurücklassen.
Aber nein. Wir müssen weiter. Zu neuen Barrieren.