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Montag, 25. November 2019

Käfighaltungsfragen

Nach diesem ewigen „Landschwein aus bäuerlicher Aufzucht“ auf den Speisekarten hätte ich auch mal wieder Bock auf eine „Citysau aus der Fabriketage“.
Oder Eier von melancholischen Hühnern, Milch von depressiven Kühen.
Die Umschmeichelung des Tieres hat ja auf Speisekarten nichts mit dem Tierwohl zu tun, sondern soll das Essen appetitlicher erscheinen lassen.
Gut, ein wenig isst auch das Gewissen heutzutage mit. Man möchte beim Essen die Schuldgefühle minimieren, die bereits von der Versuchung der Völlerei hinreichend erregt sind.
Aber das gestorbene Naturleben des Tieres ist auch ein Ersatzleben für das in der Stadt. Wer selber aus der Mietskaserne nicht hinaus gelangt in die immer weiter auswärts liegende Natur, hat sie ersatzweise gern auf dem Teller. Was auf weiter Wiese frei herumhopst, muss besser schmecken, sagt sich der hoch urbanisierte Stadtmensch, im Unterbewusstsein damit eingestehend, dass er selber ungenießbar zu werden droht.

Freitag, 22. November 2019

Mayday im Dezember

Man sieht es an den Gesichtern. Sie wissen im Supermarkt nicht mehr, wohin noch sie die unaufhörlich eintreffenden Weihnachtssüßwaren stellen sollen. 
„Endzeit“ steht in den Gesichtern.
Lebkuchen bekam bereits Notasyl an der Stirnfront der Putzmittelabteilung.
Neben der Fischtruhe warten nun auch schon Marzipanbrote.
Der Verkaufsstellenleiter patroulliert wie durch ein überfülltes Flüchtlingslager, das mit weiterem starken Zustrom rechnen muss.
Der Laden wird womöglich für Kunden gesperrt werden müssen.
Man wird durch die beschlagenen Scheiben nur noch die Stapel- und Rangierkünste beobachten können, bis auch die Fensterfront von Stollenkartons verdunkelt ist.
Zuletzt fährt der Tieflader vor, der seine vorgekochten Ostereier nicht los wird.
Dann ist stille Nacht.

Mittwoch, 13. November 2019

Undank der Nachfrage

Mittlerweile weiß ich aus empirischem Vergleich, dass das auch so ein Ossi-Ding ist. Auf die Frage, wie es mir geht, ehrlich zu antworten. Das macht man nicht. Man lügt. Höflich.
Es ist in der Frage ja auch schon zu hören, dass sie nicht ernst gemeint ist. Keine Sau interessiert sich dafür, wie es dem Anderen geht. Deswegen frage ich selbst das auch niemanden. Es sei denn aus wirklich bestehender mitfühlender Wissensbegier. Dann wiederum möchte ich nicht mit "Suuuper!" verarscht werden.
Entgegenkommender Weise wird einem die Antwort heute oft auch schon in den Mund gelegt beziehungsweise gestopft: "Alles gut?"
Das erinnert an viele kuriose Kinomente. In Filmen werden selbst Opfer, die blutend auf der Straße liegen, von den Nächsten mit "Alles okay?" angesprochen. Und nicht selten wird dies röchelnd bejaht. Eigentlich wird "Alles okay?" NUR gefragt, wenn NICHTS okay ist.
Aus Amerika kenne ich ja auch, dass nach "How do you do?" auch gleich direkt weitergequatscht wird. Das macht es dem eigentlich also gar nicht Gefragten leichter. Während ich noch gewohnheitsmäßig mit der inneren Bestandsaufnahme beschäftigt bin, geht (sic!) der small talk gnadenlos weiter und, wie dort üblich, rasch zu Ende. Stets mit: "Nice to meet you." Der Trend geht zur Zweitlüge.
Auch gleich weitergeplappert wird beim jugendsprachlichen "Was geht?" Das tut so, als ob jeder ein großes Ding am Laufen hat. Ist irgendwann im Leben aber nur noch die Blase.
Interessant, dass auch hier wie bei "Wie geht es?" das Gehen im Zentrum steht. Es geht darum, sich durch das Leben zu bewegen, zu gehen. Zu sagen, dass man gerade still darin steht, geht nun gar nicht. Innehalten ist ein vergessenes Ideal.
"Wie steht es?" fragt man höchstens bei Fußballspielen, die voller Bewegung sind. Wenigstens gibt es da immer eine klare Antwort.

Dienstag, 12. November 2019

Magie der Bude

Schon bald werden die Menschen wieder Aufatmen unter dem Schaubeton.
Das Loslassen von hunderten Jahren Architekturgeschichte versprechen immer zum Advent trauliche altdeutsche Favelas, Budenbezirke mit einer sklerotischen Wirkung auf Fußgängerzonen, Weihnachtsmarkt genannt. Zwangs-Entschleunigung und Massenflucht aus der Moderne.
Der Deutsche liebt den zivilisatorischen Rückfall. Er gart sein Fleisch, allem neumodischen Thermomix-Blendwerk zum Trotze, gern auf offenem Feuer. Und so zieht er sich turnusmäßig aus den Glaspalästen der Shopping-Malls zurück in die bargeldgestützte Verkaufskultur des Mittelalters.
Nicht zuletzt sind allein unbehandeltem Kieferholz die Dünste seiner vorfestlichen Gaumenfetische zuzumuten: Grünkohlschwaden, Zuckernebel und Altfett-Aerosol teeren die Bretterwände. Glühwein und Grog sedieren zusätzlich das Stilempfinden.
Zur Vermeidung einer allzu stromlosen Stille sind kreischbunte Fahrgeschäfte und ebenso gleisnerisch luminiszierende Tombolas zwischengeschaltet, die den örtlich Betäubten wieder in die Zeit des Kraftstroms und Angebrülltwerdens zurückbeamen.
Oft hütet ein Desperado die Bude und starrt aus dem Verschlag heraus, als müsse er ganzjährig darin wohnen, ohne Dusche und Fernseher. Immerhin ist er neuerdings immer öfter erlöst von einer wohl selbst in Guantanamo umstrittenen Dauer-Beschallung. Es ist nämlich deutlich stiller geworden, seit die Racheengel der GEMA, die Abmahnung im Gewande, die Gegend unsicher machen.
Was bleibt in Wiederkehr, ist die Bude.
Jahr für Jahr neu errichtet und doch unzerstörbar.
Die kleinste Zelle der vorweihnachtlichen Gesellschaft.
Die deutsche Herzkammer.
Städteplanerischer Hautausschlag. Der Kunstschnee scheint wie Puder.