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Dienstag, 17. Dezember 2019

Weihnachten - Wie es dazu kam

Sie werden sich nicht erinnern können, war ja keiner von uns dabei, aber es war seinerzeit wahnsinnig schwierig, Weihnachten einzuführen oder, wie man heute sagen würde, anzubieten.
Die GermanInnen wehrten sich nach Kräften gegen die Christianisierung des Abendlandes.
„Zu viele Feiertage!“, riefen sie, als die Missionare mit dem Kirchenkalender  ankamen. „Und dazu noch die Brückentage! Wir sind schon froh, wenn wir zwischen unseren heidnische Festen mal nüchtern sind und brauchen somit keine weiteren Trinkanlässe.“
Anfangs wusste selbst kein Christenmensch genau, wann der gegebenenfalls feierbare Geburtstag von Jesus überhaupt zu begehen ist. Geburtstage spielten zu seiner Geburtszeit keine Rolle. Deswegen hatte diesen auch keiner aufgeschrieben. Und ein Fest hatte es schon gar nicht gegeben. Vollkommen schleierhaft, wie und warum - aber der Empfängnistag der Mutter Maria war hingegen einigen Kirchenfunktionären bekannt. Fragen Sie mich nicht, ich bin kein Theologe! Ich halte meine Phantasie im Zaum! Ich bin, wie Wippchen es ausdrücken würde, fern davon, zu nahe zu treten. Und nichts liegt mir näher als distanziert zu bleiben.
Der Jesus-Geburtstag ist jedenfalls nicht festgehalten. Eigentlich gab es also gar nichts zu feiern.
„Schade“, sagten die Missionare, „Feiertage machen uns beliebt.“ Man rechnete also einen Geburtstag aus dem Empfängsnistag nach, doch da wollten die einen diesen, die anderen jenen Tag gehört haben.
Der Theologe Clemens von Alexandria, er lebte um 100, sprach eines Tages: „Sie werden sich nicht erinnern, war ja von uns keiner dabei, aber ich meine, Jesu Geburtstag müsse zwischen Ostern und Pfingsten liegen.“
„Zu viele Feiertage!“, riefen wieder die GermanInnen, auf’s Neue. „Im Frühling sind wir feiertechnisch dicht! Jede Menge Fruchtbarkeitskult! Und dann noch die Brückentage!“
Die altpalästinensische Kirche, die es auch gab und die auch ein wenig feiern wollte, beging den Geburtstag von Jesus Mitte Mai. „Wo’s passt“, kommentierten die GermanInnen wahrscheinlich, ich war ja nicht dabei, wie gesagt.
Dann kam ein Furius Dionysius Filocalus, eigentlich ein Schriftfontdesigner, denn er erfand im vierten Jahrhundert ein Majuskelalphabet. Der brachte den 25. Dezember ins Spiel. Nicht sehr kreativ, denn auf dem 25. Dezember lag früher der Geburtstag eines römischen Gottes namens Mithras. Mittlerweile abgesetzt, hatte er einen aufgekratzten Tag ohne greifbaren Feieranlass hinterlassen.
„Gut“, sagten die GermanInnen, „wir unsererseits haben in dem Dreh eh das Fest zur Wintersonnenwende und unser’n Skatabend. Mit ein, zwei Brückentagen kriegen wir das hin.“
So ungefähr.
War ja keiner von uns dabei.
Und dann wurde es von Jahr zu Jahr immer mehr Weihnachten um Weihnachten.
Der Baum kam dazu, der Gänsebraten, der Stau auf der A2, verkaufsoffene Sonntage, der ganze Klimbim.
Der Geburtstag von Jesus war übrigens wieder genau so wichtig wie zu seiner Geburt, nämlich kaum.
Wussten Sie auch, dass am 1. Januar Christi Beschneidung ist?
Der griechische Gelehrte Leo Allatius (gestorben 1661) vertrat die Ansicht, dass die Vorhaut Christi mit in den Himmel aufstieg und sich in die Saturnringe verwandelte. Auf Anfrage, die GermanInnen waren beruhigt, muss dies aber nicht groß gefeiert werden.
Und es soll hier auch nicht weiter diskutiert werden. Wegen der Besinnlichkeit.
Mal nicht zu viel nachdenken ist auch ein guter Gedanke.
Nach der Bescherung, spätestens aber nach der Beschneidung geht der Stress ja von vorne los.

Samstag, 14. Dezember 2019

Das haben wir geguckt? Das haben wir geguckt!

Merkwürdige Erinnerungskorrekturen, wenn eine dieser ollen ZDF-Hitparaden mit Dieter Thomas Heck aus den frühen Siebzigern wieder zu sehen ist.
Am meisten erstaunt, wie viele komische Leute außer Heck, Sänger, Tonsklave Reiner und Publikum überall noch so herumstehen. Wer hatte die reingelassen? Einige darunter mit ausgesprochenem Anschlagsplanergesicht. Gehen rein und raus und durchs Bild, ohne dass irgendein Zugriff erfolgt. Hab mal gelesen, dass Heck während der Sangesdarbietungen in der Ecke rauchte oder hinten schnell ein Bier zischte.
Und diese Lotterbude war uns im Osten ein Glamourpaket? Eine Desperado-Versammlung, wie wir sie bald an jeder Currywurstbude würden antreffen.
Und schau an: roboterhaft klatschten sie auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs und versuchten für ein, zwei Sekunden der Tristesse des Alltags zu entkommen, indem sie in die Kamera winken.
Merkwürdig, dass ich mich nicht losreißen kann. Sonst bin ich der schnellste Zapper östlich von Mainz, aber ich versuche noch weiter zu verstehen, warum es nicht als asozial galt, solcherlei triviale Turniere zu verfolgen.
Und völlig unlogisch die grinsende Verbeugung nach einem gesungenen Lippenbekenntnis von Liebeskummer. Stalker stürzen mit Blumensträußen herbei. In vielen Sängergesichtern der Fußabdruck der Kleinstadtmugge.
Das haben geguckt, im Westfernsehen.
Man sollte ständig, vierundzwanzig Stunden lang auf einem Kanal das ganze Fernsehen von gestern zeigen, damit wir uns ab und zu über uns wundern.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (2)

Liebes Tagebuch,
Google Mail hat zum ersten Mal Mails für mich geschickt, ohne dasss ich es gemerkt habe.
Was zur Verwirrung der Empfängerin, einer älteren Dame, geführt hat, die sich zunächst von mir zu ihrem eigenen Geburtstag eingeladen sah, gleich danach aber von mir eine Mail mit der Bemerkung “Termin gestrichen” bekam, was natürlich leicht auf die Kategorie “Beleidigung” hinaufgestuft werden könnte.
Google verschickte an sie auch eine Handlungsempfehlung: “Lehnen Sie diesen Termin ab, um keine weiteren Informationen zu diesem Termin zu erhalten.” Und eine Warnung vor Flashmob gab es auch: “Wenn Sie diese Einladung weiterleiten, kann jeder Empfänger eine Antwort an den Organisator senden und zur Gästeliste hinzugefügt werden.”
Es brauchte ein einfühlsames Telefonat (sie rief irritiert an), um sich für die Beziehungs-Kettensäge Google zu entschuldigen. Und für mich. Denn was ließ ich auch diesen irgendwo auf einem Server in Amerika Streiche ersinnenden Dämon meine Termine verwalten.
Die Sache hatte auch ein Vorspiel, in welchem sich Google Kalender erfolgreich als Stifter des Chaos und vor allem weiterer diplomatischer Peinlichkeit  produzierte. Es verlegte, und das nicht zum ersten Mal, einen eingetragenen Geburtstag um eine Woche nach hinten. Doch da ist er nun mal nicht, so sehr sich Google das auch wünscht. Und weil mir nichts anderes blieb, als diesen Eintrag zu löschen und neu anzulegen, entstanden, ohne dass ich “Absenden?” gefragt wurde, die Mails.
Grober Unfug geschieht ja neuerdings immer, wie es google-übersetzt neudeutsch heißt, um das Kundenerlebnis zu verbessern. Mein Kundenerlebnis ist nun allerdings nur um ein Weiteres verunsichert.
Was wird Google als nächste tun?
Es soll schon, zumindest im Labor,  per Telefon Restauranttische bestellen können, ohne dass man im Retaurant bemerkt, dass eine Blechkiste angerufen hat.
Da sie dort in ihren kreativen Büro-Umgebungen immer an neuen Ideen erkranken, nehme ich diese hiermit schon mal vorweg:
Google kündigt Versicherungs-Verträge und schließt neue ab. Google erkennt, wen ich nicht leiden kann und versendet Hassmails. Google verbietet mir überhaupt, selber Mails zu schreiben, weil es das sowie besser kann. Google zieht statt meiner in die Wohnung. Google ist am Ende Ich und lehnt andere Auffassungen als nicht geeignet ab, das Kundenerlebnis zu verbessern.
Man müsste die Suchmaschine so langsam am Suchen hindern.

Montag, 9. Dezember 2019

Die Taste, die weg kann

Auch Computertastaturen lassen keine Möglichkeit aus, Menschen zu quälen.
Ein besonderer Gaudi ist es für Designer, die Anordnung der Tasten "Einfügen", "Entfernen", "Ende" oder "Position 1" immer wieder anders zu wählen. Ein Tasten-Verwechsel-Dich-Spielchen, das nie langweilig wird. Ich glaube, sie würfeln das jedes Mal gern neu aus.
Aber trotzdem sind das nur kleine sadistische Capricen im Vergleich zur sogenannten Feststelltaste, englisch capslock. Das sie nahezu nutzlos ist, ist sie eine der größten Tasten überhaupt. Sie wird, soweit meine Vorstellungskraft reicht, ausschließlich zum virtuellen Schreien benötigt. Der ich aber nie "ICH HABE RECHT, VERDAMMT NOCH MAL!" brülle, benötige ich dergleichen typografisches Megaphon nicht.
Hervorgegangen ist die Taste einst aus der Feststellvorrichtung für solchen (dort ebenso seltenen) Gebrauch an mechanischen Schreibmaschinen. Der Unterschied ist nur, dass man bei meiner "Erika" eine deutliche Entschlossenheit an den Tag legen musste, den Wagen mit Papier und Walze in der erhobenen Position festzuhaken. Ein versehentliches leichtes Streifen der Taste war an Schreibmaschinen völlig folgenlos. Jetzt sind wir aber im Zeitalter der harten Konsequenz für jedes noch so flüchtige Tun. Bereits die unsanfte Landung einer Stubenfliege kann Walze und Papier hochsetzen, ein etwas zu vorderer Andruck der Shift-Taste reißt den Dämon Capslock mit, und notfalls schaltet er sich auch spontan ein, weil alles viel zu lange schon zu gut ging.
Vielleicht kommt irgendwann ein altersmilde gewordener Konstrukteur auf die Idee, die verfluchte Taste einzusparen.
Aber darauf muss man, zum Glück, nicht warten.
Längst kursieren im Internet Anleitungen, sich der Plage Feststelltaste dauerhaft zu entledigen.
LOHNT SICH!

Samstag, 7. Dezember 2019

Bevor Mann die Hose an hat

Viele Männer, beobachte ich, sind nicht autorisiert, sich selber eine Hose zu kaufen.
Sie müssen den lieben, langen Sonnabend im Kaufhaus zwischen zwei Höllen wechseln: dem engen, müffelnden Verschlag der Anprobe und der Begutachtung durch die Grand Jury, bestehend aus Gattin und merkwürdig mitverschworener Verkäuferin.
Längst ist der Gang unsicher, traurig baumelt das Preisschild an der Lende.
Warum kann man sich nicht einfach ein Bärenfell überwerfen?
Es war ein Fehler, bei Hose Elf „Ich glaube, die ist es!“ gesagt zu haben.
Es kann nämlich leicht sein, dass sich die Hose, die es ist, gar nicht in diesem Warenhaus befindet.
Dazu kommt eine schreckliche Wahrheit: „Meinem Mann“, hatte die Frau gleich der Verkäuferin gesagt, „hat noch nie eine Hose gepasst.“
Sie hat, wie sich heute endlich einmal aller Welt zeigt, ein verwachsenes Hinkebein geheiratet, dem auch noch der Hintern abhanden gekommen ist, und das linke Bein ist immer noch länger als das rechte. Oder auch mal umgekehrt. Und alles schlackert und schlottert, denn jede Mode zielt darauf ab, die Mängel ihres Mannes hervorzuheben.
Wo bleibt er denn nun wieder? Schon zwei Mal ist er in der Kabine von dem winzigen Schemel gefallen, was mit dem Ruf „Was machst du denn da drin so lange?“ kommentiert wurde. Jetzt hat der Reißverschluss beinahe den Penis zerfetzt. „Was machst du denn da drin so lange?“
Mit Hose Vierzehn „ist irgendwas“.
Er soll sich drehen und mal auf und ab gehen, aber „normal gehen“, und er schafft es nicht, normal zu gehen. Normal gehen, das wäre ja Nachhausegehen.
Hose Fünfzehn zwickt und zwackt also, aber „Nicht schlecht, nicht schlecht,“ tönt es aus dem Hohen Rat, indes der Stoff ist zu empfindlich. Männer sind bekanntlich schmutzig.
In der Deko-Abteilung des Warenhauses, unten im Keller, pinseln sie gerade das Schild: „Der du die Hosenabteilung betrittst, lass alle Hoffnungen fahren!“
Ob die Schotten es leichter haben?
Und ob er bis Bundesliga-Spielbeginn eine neue Hose hat?
Das Spiel ist völlig offen.