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Mittwoch, 29. Januar 2020

Die Unbeschenkbaren

Es ist nicht mehr möglich, einem ökologisch halbwegs bewussten Mitmenschen eine Schachtel Pralinen zu schenken.
Sicher essen auch umweltbewusste Menschen gern einmal Süßes und haben auch ein Dankeschön verdient, nur: bis sie durch Zellophan-Umhüllung, Außenschachtel und innere plastikverschweißte Schutzhülle zur Plastikpackung mit den womöglich zusätzlich einzeln eingewickelten Pralinen vorgedrungen sind (,deren Kakao eine lange Schiffsreise hinter sich hat), ist ihre Verzweiflung über die Menschheit in exponentiell wachsendem Maße zurückgekehrt und wischt jegliche Freude über das gut gemeinte Geschenk restlos beiseite.
Ja, es kann sogar passieren, dass die Pralinenschachtel irrtümlich als Beleidigung aufgefasst wird, als tiefe Demütigung, Verhöhnung und Provokation. Freundschaften zerbrechen oder fangen gar nicht erst an.
Oder es wird als Anschlag auf den Planeten gesehen. In einer 25 Zentimeter breiten Schachtel kann der ganze Verschwendungswahn der sogenannten Zivilisation gebündelt sein. 
Und noch mehr: dass man Menschen dadurch eine Freude zu machen vorgaukelt, indem man ihnen Genussartikel undurchdringlich einpackt, lässt auch ökologisch Naturbelassene verzweifeln. Mir als Verpackungs-Legastheniker genügt es schon, die Lasche abzureißen, mit der sich irgendwas angeblich ganz leicht aufmachen lässt. Wie viele Pralinenschachteln sind schlussendlich mit Teppichmessern oder gar Bajonetten notgeöffnet worden! Sie sind per se ein hinterhältiger Streich, mildest ausgedrückt eine Challenge, wie man heute sagt, ein Industrie-Prank.
"Ja, dann schenk halt Blumen!", wird geraten. Um Himmels Willen! Die werden aus Ostafrika herangekarrt! Und pieksen!
Die Wahrheit ist: man kann umweltbewussten Menschen überhaupt nichts schenken.
Höchstens was wegnehmen.

Dienstag, 28. Januar 2020

Fürbitte für "bild"

Wie hat “bild” ihm entgegengefiebert, und nun ist er da! Der erste Corono-Fall in Deutschland!
Eine Seuche, das Royal Baby des Boulevard-Journalismus, hat die geschätzte Leserschaft endlich erreicht!
Jetzt dürfen nur die Abonnenten nicht wegsterben.
Und die Gelegenheitskäufer den Münzwechsel mit dem Kioskmann nicht scheuen.
Okay, perfekt ist es noch nicht. Man spürt die ungelöste Restspannung, da noch nicht bekanntgegeben wurde, ”in welcher Klinik der Mann liegt”. Sie wären längst vor Ort. Wir wüssten längst, dass er mit der letzten Thomas-Cook-Expedition durch China streifte. Dass er ‘eigentlich’ in ein paar Wochen Geburtstag hat oder vielleicht haben könnte, wenn die Götter “bild” ungnädig sind und ihn am Leben lassen. Wir würden seine Familie weinen sehen können und sonst auch alles, was sich verkaufen lässt.
Immerhin zeigt das Video bei “bild” schon die potenziellen Qualitäten ihrer investigativen Kameraleute. Sie haben sich schon mal an die Patientenfenster einer beliebigen Klinik herangerobbt, um den Schatten darin zu folgen. Sie haben auch den Hinterausgang gefunden, wozu auch immer. Es wird schon mal alles gezeigt, was sie nicht sehen können.
Möge das Virus die “bild”-Redaktion verschonen, damit wir uns nicht unserer Schadenfreude schämen müssen!

Dienstag, 21. Januar 2020

Selbstbildstörung

Überlegt, dass wer all diese beworbenen Faltencremes und sonstigen Alterskorrekturmittelchen verwendet, nicht mehr weiß, wie er wirklich aussieht.
Das ist ein Identitäts-Verlust.
Anderererseits könnte es vielleicht gelingen, durch verschiedene Anwendungen die automatische Gesichtserkennung zu irritieren. Das wäre ein Identitätsgewinn.
Wenn man wüsste, wer man ist.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Königsdisziplin

Es ist zu verstehen, dass der Spaßfaktor, zu einem Königshaus zu gehören, sinkt.
Auch auf dem Hause Windsor lastet schließlich der Fluch aller Königshäuser, in Geschmacksfragen hinter dem Mond bleiben zu müssen.
Das Von-gestern-Sein, bei republikanischen Herrschern (zu Recht) beargwöhnt, ist bei Monarchen die vornehmste Tugend. Es sichert das stilgerechte Erscheinen in billigen Illustrierten.
Man haust in Tuntenbarock und isst von Tellern, die jeden Flohmarkt toppen. Möbeltechnisch und architektonisch herrscht bei Königs knallhartes Bauhausverbot. Disney statt Gropius.
Und hat man je eine halbwegs moderne Krone gesehen? Kronen sind bestimmt mindestens so schwer zu designen wie Grillkamine. Einen Hut, in den es regnet, hat sie Preußens Alter Fritz genannt, der sowieso zu geizig war, sich eine zuzulegen. Als ich die englischen im Tower sah, wirkten sie wie kleine Käfige. Oder Bärenfallen, die zuschnappen, wenn man reinfasst. Auf ihr Tragen zu verzichten dürfte nebenher auch Kopfschmerzen vorbeugen.
Als sich die meisten, wie man sie nennt, alten Geschlechter vor der Demokratie in die konstitutionelle Monarchie retten mussten, um überhaupt noch einen Thron unterm Hintern zu haben, verdonnerte sie die drohende Überflüssigkeit zu ewiger Operette. 
Aus von Nussknackern bewachten Gebraucht-Immobilien mit Pferde-Kutschen zu holpern.
Bleischwer überkront auf diesem orthopädisch fragwürdigen Sitzmöbel Thron zu hocken, um von dort aus belanglose Grußadressen zu verlesen und quietschbunte Orden zu verleihen, meist an Leute, die keinen brauchen.
Aber außer Aussteigen gibt es keine Rettung. Den ästhetischen Level der Boulevard-Leserschaft zu bedienen, ist, und das weiß man unter dem Hermelin, die sicherste Bestandsgarantie der „Monarchie light“. 
Alles muss so aussehen, wie es mal war, damit es so bleiben kann, wie es ist.