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Dienstag, 18. Februar 2020

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (3)

Liebes Tagebuch,
das geheimnisvolle Phänomen beeinträchtigte wieder den berliner S-Bahn-Verkehr.
Die Signalstörung.
Das will sagen: eigentlich funzt alles tadellos bei uns. Bis auf ein paar Lämpchen.
Die Züge, heißt es in regelmäßiger, Transparenz suggerierender Durchsage, verkehren unregelmäßig.
Das will sagen: alles rollt, nur ein bisschen durcheinander.
Warum, frage ich mich oft, war die DDR-Mangelwirtschaft nicht auf diese genialen Ausreden gekommen? Die Versorgung mit Bananen ist unregelmäßig.
Der magische Moment tritt am Bahnhof Rummelsburg ein. Man werde jetzt zehn Minuten stehen bleiben, da das System neu gestartet werde.
Ein Neustart, das wissen Viele aus Erfahrung, das ist eine Verzweiflungstat.
Leidgeprüfte Windows-Nutzer lassen nun schon mal viel Hoffnung fahren. Beim Neustart regieren Ohnmacht und Stillstand. Alle Räder stehen still, wenn ein kleiner Chip das will. Es ist wie eine Andacht. Beten zum neuen Gott.
Starren irgendwo auf Bildschirme. Würde das Kreisen der kleinen Geduldspule von Windows aufhören, den gewohnten Bildschirm der Funktionalität preisgeben? Es gibt ja mittlerweile einen Blauton, der Verzweiflung auslöst. Glücklicherweise wird der Himmel nicht mehr so blau. Er würde uns andeuten, dass ganz oben der liebe Gott wegen blue screen einen Reset machen muss.
Zehn Minuten Stille und Reglosigkeit. Zum Weiterkommen braucht es nicht, wie früher, etwas Dampf im Kessel und freie Schienen. Fahrzeuge und Schienen sind das Nebensächlichste. Wenn es nicht wieder hochfährt, das System, das die vielen Stellwerker längst für immer nach Hause geschickt hat, weil es klüger ist und fehlerfrei arbeitet, ist keine Fortbewegung möglich. Menschen ist nicht mehr zuzutrauen, ohne Aufsicht durch eine Software Züge zu bewegen.
Als der Zug endlich langsam anfährt, geht es nur eine einzige Station weiter. Man fahre vorerst nur bis Ostkreuz, lautet die Ansage.
Innere Panik, die aber niemand zeigt. Das System ist, o wir kennen das, offenkundig nicht richtig gestartet. Eine Welle des Mitgefühls wogt durch den Zug. Der Moment ist eingetreten, wo man zuhause einen Kumpel anruft, der sich bisschen auskennt. Oft werden das Abende Dutzender Systemneustarts.
Es kann in unserem Fall auch nur sein, dass die nun entstandene fahrplanverquere Situation dem System nicht erlaubt, wieder Tritt zu fassen. Denn die Züge sind ja jetzt nicht dort, wo sie algorithmisch sein müssten. Risse in der Wirklichkeit müssen gekittet werden. Wie weit haben die Entwickler der Software Wirklichkeit vorgesehen? Die Anwender können das nicht wissen.
Ich steige Ostkreuz aus und wechsele in einen verspäteten Regionalexpress, in dem die Leute gequetscht stehen. Hätte ich doch das Auto nehmen sollen heute? Verkehrspolitische Signalstörung?

Sonntag, 16. Februar 2020

Handspiel

Es ist aufschlussreich (oder auch nicht, das muss ich noch herausfinden), mit welcher Geste Politiker ihre mannigfaltigen Äußerungen zu diesem oder jenem oder zu gar nichts illustrieren.
Angela Merkel, die nicht nur die Raute im gestischen Repertoire hat, tut auch mal gern so, als ob sie ein mittelgroßes Paket hält. (Erinnerung an Westpakete?).
Wenn Wolfgang Schäuble was erklärt, sieht es oft so aus, als wolle er gerade von unten eine Energiesparlampe einschrauben. Meistens in eine Tischlampe.
Bei Claudia Roth sind es Deckenlampen.
Ursula von der Leyen teilt die Luft gern hintereinander in Scheiben, meist vertikal, aber, wenn es um soziale Schichtungen geht, auch mal horizontal. Ständig wird Luft zersägt. Warum nur?
Es gibt auch einen allseits gern verwendeten Grundbestand an Gestik. Das Festhalten eines Insekts in spitzen Fingern zum Beispiel.
Es sind alles Gesten, die niemand im politikfernen Alltag benutzen kann, ohne sich lächerlich zu machen. Aber im Bundestag oder in der Fernseh-Talkshow wirken sie normal. Es ist offenbar ein anderer Bewegungsraum.
Früher forderte Robert Lembke bei seinem heiteren Beruferaten immer eine typische Handbewegung ab. Es waren immer praktische Handgriffe aus dem Arbeitsalltag. Nur selten aber folgerte daraus jemand auf den Beruf. Die oben angeführten Gesten hingegen sind, obwohl praktisch nicht notwendig, umso eindeutiger dem Berufsstand des Politikers zuzuordnen.
Er braucht die Handbewegungen, weil sonst nicht sichtbar ist, was bewegt wird. Nur, wenn es schief geht.

Freitag, 7. Februar 2020

Sportliche Winterträume

Er ist zu spüren, der Sand im Schnee des Wintersport-Circus.
Woche für Woche wälzen sich die diversen Weltcup-Karawanen verzweifelt durch fönlaue Berge auf der Suche nach etwas benutzbarem Winter.
Das große Zittern ist da, nur nicht wegen Kälte.
Der Weltcup der Snowboardcrosser am Feldberg, lese ich, fällt aus.
Oberhof plant ein neues Schnee-Depot, ein idyllisches Beton-Silo, um künftig “Schneesicherheit” zu haben. Sonst geht es womöglich noch zu Fuß zum Schießen. 
Skispringer haben ja schon Matten und Eisläufer längst Hallen. Die alten holländischen Gemälde mit den Schlittschuhläufern auf den Stadtkanälen steigern noch einmal ihren Wert wegen meterorologischer Seltenheit.
In hundert Jahren werden die Kinder fragen, wie die kuriosen Sportarten mal entstanden sind, bei denen man von Bergen herunterrutscht, obwohl die doch niemals glatt werden.
Die Schneekanone ist auch keine Wunderwaffe. Sie ist den Marathonläufern im Wege, die demnächst aus den Tälern in die Höhe flüchten, um nicht zu kollabieren.
Um die Sessellifte nach oben drängeln sich auch Beach-Volleyballer und alle möglichen Leichtathleten, denen die Überlebenschancen im Brutkasten des Stadions zu rasch sinken.
Auffallend viele Kampfsportler setzen sich an der Seilbahn durch.
Die Olympischen Spiele finden endlich auf dem Olymp statt.
Das olympische Feuer brennt im Hain von selbst.
Winterspiele kann Katar bald genauso schneereich oder -arm ausführen wie Garmisch.
Aber egal, was kommt: sportliche Spiele muss es immer geben. Wettrennen, Kampf darum, ganz vorn zu sein. Wäre es anders, hätten wir die Probleme vielleicht gar nicht erst bekommen.