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Freitag, 26. Juni 2020

Adels-Geschlachte

Ebenso fantasiereich, wie die Fleischkonzerne ihre Produkte taufen, labelt die Presse derzeit den Herrn Tönnies. Eine grobe Sichtung ergibt:
“Fleisch-König” (“Augsburger Allgemeine”)
“Kotelett-Kaiser” (“Spiegel”)
“Skandal-Schlachter” (“Focus”)
“Fleischriese”/ “Fleischbaron”(“bild”, die schon mal kreativer war)
Um für etwas Abwechslung zu sorgen, biete ich unentgeltlich an:
“Schinken-Scheich”,
“Kuh-Fürst”,
“Salami-Sultan”,
”Pökel-Papst”,
“Mett-Mogul”,
"Zerlege-Zar",
"Grieben-Graf”,
oder schlicht “Sau-Ron”.
Sollte ich noch erwähnen, dass die Gesamtheit des polnischen Adels “Szlachta” genannt wird?

Der Film danach

Es werden eines Tages (oder auch schon bald) Filme in der Zeit spielen, die wir jetzt die Gegenwart nennen.
Werden dann ausdruckslose SchauspielerInnen bessere Chancen haben, weil man das Minenspiel wegen der Maske eh nicht sieht?
Schludrigen Synchronisationen kommt der Atemschutz ebenfalls sehr entgegen, denn lippensynchron muss nun nichts mehr sein.
Außerdem darf deutlich gespart werden: aufwändige Massenszenen kommen nicht mehr vor.
Aber wird das jemand sehen wollen? Und in welchem Kino?

Montag, 22. Juni 2020

Weltkulturerbe Drängeln

Seit die UNESCO auch immaterielles Erbe wie Tanzen, Spiele, Yoga oder Trachtenumzüge in ihre Ruhmeslisten aufnimmt, würde ich gern die Aufnahme des Drängelns beantragen, also des Verschaffens räumlicher Vorteile durch Körperdruck.
Diese uralte Kulturtechnik des Vorankommens scheint mir durch die wohl noch lange geltenden Corona-Abstandsregeln existenziell gefährdet, oder bestenfalls auf den Autoverkehr reduziert, was dem Drängeln den ursprünglichen haptischen Charme des direkten Körpereinsatzes nimmt.
Das Erlebnis, in einer Straßenbahn zu stehen, ohne umfallen zu können, werden viele junge Menschen womöglich niemals kennenlernen.
Menschen werden für sie vielleicht auf immer etwas sein, das sich, von Intimpartnern und Hygienemuffeln abgesehen, höchstens auf 1,50 Meter Abstand nähert. 
Schon vor Jahren hatte eine kleine Reform des Winter/Sommerschlussverkaufs dem Brauchtum des Drängelns zugesetzt. Wühltisch war auf einmal immer. Im (buchstäblichen) Gegenzug sorgte die Deutsche Bahn durch Schlankhalten des Fahrplans, besonders in beruflichen Spitzenzeiten, für die Erhaltung des Brauchtums. Aber auch hier hat das neuartige Virus die Menschen einander entfremdet.
Wann wird man je wieder beim Mantelabholen nach der Opernvorstellung in vorderer Linie vom Druck der Drängelnden über die Brüstung des Garderobenstandes gedrückt? So holte man sich VOR Corona seine Atemnot!
Es waren die Asiaten, die das Drängeln schon früh zu reglementieren versuchten. Bilder von Ordnern, die mit weißen Handschuhen die U-Bahngäste von Tokio in die Züge schoben, schienen bereits dem Drängeln das Anarchische nehmen zu wollen, den uralten Selbstbehauptungstrieb unnatürlich zu domestizieren.
Im Westen pflegten hingegen eigens anberaumte Straßenfeste die uralte Kultur, deren Tradition bis in die Völkerwanderung reicht! Freilich sei auch nicht verschwiegen, dass deren Motivationen (“Volk ohne Raum”) bisweilen kriegerisch missbraucht wurden. Aber in den meisten Fällen war und ist Drängeln der Ausdruck lebensfroher Selbstbejahung. Jahrelang hat dies auch die Werbung durch egozentrische Projektionen  tiefenpsychologisch unterstützt (“Unterm Strich zähl ich”), aber mit Corona ist hier eine inflationär bemühte Kollektivität eingebrochen. Das Wir und die trauliche Gemeinsamkeit werden gepredigt, da der gute, alte Ellenbogen nicht mehr zum Zuge kommen kann. 
Gerade jetzt in der Ferienzeit boten viele Städte mit engen, alten Gassen reichlich Gelegenheit und Angriffsfläche. Auch an den Buffets in den Hotels konnte man mit Drängeltechniken glänzen und Anderen Delikatessen wegschnappen (Bei 3 Sternen auch schon mal nur die letzte Butter).   
Soll das alles untergehen und vergessen sein?
Sind wir bald noch das, was wir waren?
Ich fordere: Drängeln in die Weltkulturerbeliste!
Die Zeit drängt!

Freitag, 19. Juni 2020

Mensch und Pflanze

Ein Trieb dieser okkupationsfreudigen Rankepflanze versucht seit Tagen, durch das Küchenfenster zu dringen.
Das drängende Leben. Es nimmt auf nichts Rücksicht. Das Rankedings ist in der Lage, einen kleinen Baum völlig einzuwickeln, bis gar kein Licht mehr zu dessen Blättern dringen kann und er abstirbt.
Immerhin haben wir hier drin mit dem Küchenfenster eine echte Chance.
Das Leben ist eine brutale Machtmaschine. Zufriedenheit existiert darin nicht. Niemals genügt einer Pflanze ihrer Blattfläche. Es wird getrieben und ausgestreckt, auch ohne Rücksicht darauf, wie viel Wasser und Mineralien nur zur Verfügung stehen. Werden die Ressourcen überansprucht, wird eben eingegangen und bei nächster Gelegenheit frisch gekeimt.
Ein gleichmütiges Ringen um Sein und Vergehen, ohne Fragen nach einem Sinn. Nehmen, was man kriegen kann, bevor der Winter kommt.
Tiere sind maßvoller. Der Löwe tötet nicht, wenn er satt ist.
Der Mensch neigt dann wieder stärker zur pflanzlichen unbekümmerten Maßlosigkeit. Als ob mit ihm die Evolution ethisch den Zenit überschritten hat. Grüner wird's nicht.