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Dienstag, 11. August 2020

Die ausgestorbenen Hafenlieder

Manchmal flüchte ich nach den trüben Nachrichten ans Klavier und blättere in den vor allem auf Flohmärkten gesammelten alten Schlagernoten.
Herüber vom schrecklichen Geschehen im Hafen von Beirut war es im Stöbern allerdings auffallend, wie viele der Lieder einst den Hafen als romantische Stätte besungen haben.
"Schön ist die Liebe im Hafen‟ heißt es, „Die Lichter im Hafen‟, „Das ist die Hafenmelodie, „Im Hafen der Sehnsucht‟, und sogar „Einmal im Hafen nur schlafen‟, was Lotsenkapitäne ganz sicher nicht anstreben sollten, sonst rumst es.
Die Metaphorik des Hafens leuchtet zunächst ein. Der Seemann war die verklärte Symbolfigur der berufsbedingten Trennung und Einsamkeit an fremden Orten und damit wahrscheinlich besonders das ideale Ersatzbild des schlagertextlich eher sperrigen Landsers.
Aber erst nach dem Krieg nahm der Hafenkult so richtig Fahrt auf beziehungsweise ging er nachhaltig vor Anker. Von beidem, raus aufs Meer und bloß wieder zurück, wird geschwärmt, es ist ein einziges Rein und Raus,- „Von Hafen zu Hafen‟, „Fahr uns heim, Kapitän!‟
Es kann nicht nur am Kriegsabstand liegen, dass es heute keine Hafenlieder mehr gibt.
Es könnte auch was mit der begrenzten Romantik von Containerschiffen zu tun haben.
Vielleicht sogar was mit der dort bisweilen problematischen Lagerung von Düngemitteln.
Der Hafen von heute ist eine triste Verladerampe, wo man nicht im wehenden Kleid herumstehen darf, weil ein Schiff kommen wird, das den einen bringt. Bald fahren die Pötte quasi ohne Besatzung. „Der Eine‟ kann dann nur noch der Käpt‘n sein. Tariflich ist ein „Nimm mich mit, Kapitän‟ oft nicht sehr ergiebig, und „Nur ein einsames Licht brennt am Hafen‟ charakterisiert die gleißende Beleuchtung am Terminal ebenso unzureichend wie „Am Kai bei der alten Laterne‟ oder der „Schimmer einer alten Bootslaterne‟ in „Die Lichter im Hafen‟. Oder ist Kai der Name des Geliebten? Steht Kai am Kai? Kai ist auch eine japanische Hunderasse (FCI-Gruppe 5, Sektion 5, Standard Nr. 317). Nicht mit Koi zu verwechseln. Mit denen wäre man aber wieder im Wasser...
„Hafenbar‟ (Variante Ost) bzw. „Haifischbar‟ (Variante West) hießen Musiksendungen im Fernsehen, in denen Akkordeonbewaffnete zwischen Fischernetzen in einer klaustrophoben Unterdeckkulisse umhergeisterten.
Wir heute sind aber mehr als genug unterwegs und bedürfen nicht der Romantik des Herumgescheuchtwerdens.
Sonst hätte ich die Noten auch nicht auf dem Flohmarkt gefunden.

Donnerstag, 6. August 2020

Dienstag, 4. August 2020

Sprichwörter, die auch auf den Kopf gestellt stimmen

Lügen haben Beine.
Unrecht Gut gedeihet.
Hochmut kommt vor dem Aufstieg.
Wer andern eine Grube gräbt, fällt nicht selbst hinein.
Ein blindes Huhn findet kein Korn.
Viele Wege führen nicht nach Rom.
Die dümmsten Bauern haben die kleinsten Kartoffeln.
Wie man in den Wald hineinruft, schallt es nicht heraus.
Ohne Schweiß auch Preis.
Kommt Zeit, kommt nicht auch Rat.
Hunde, die bellen, beißen auch.
Aus Schaden wird man nicht klug.
Der Glaube kann keine Berge versetzen.

Samstag, 1. August 2020

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (4)

Liebes Tagebuch,
es ist eine Änderung eingetreten. In Werbemails werde ich seit einigen Wochen immer häufiger nicht mehr wie sonst mit meinem eigenen Namen angesprochen, sondern plötzlich Holger genannt. Dennoch sind die Mails an meine richtignamentliche Adresse gesandt.
Lieber Holger, nur noch wenige Tage Vorkaufsrecht...Lieber Holger, hole dir die neue Freiheit...Lieber Holger, wenn du auf den unten stehenden Link klickst…
So etwas tut man, ob Holger oder nicht, wie ich weiß, nicht ungestraft.
Was ist nur mit dem immer ausgefeilteren Algorithmus geschehen? Wie sind sie auf diesen Namen gekommen? Etymologisch soll er laut Wikipedia “der Kämpfer von der Insel” bedeuten.
Aber ich kämpfe kaum noch. Und Inseln sind wir alle. 
Manchmal lege ich einen kleinen Unsubscribe-Tag ein und versuche, mich von den Newslettern und “Informationen über neue Produkte” abzumelden, die ich wissentlich nicht abonniert habe. Aber man braucht ja heute nichts mehr wissentlich zu tun, und es geschieht dennoch. Das Abmelden funktioniert oft tadellos, auch wenn es oft nicht abmeldet. Aber man bekommt auf dem Bildschirm eine Bestätigung, dass abgemeldet wurde. Das ist ja schon viel. 
Manchmal wollen sie den Grund für die Abmeldung wissen. Ich habe jetzt einmal hineingeschrieben, dass die Mail falsch adressiert ist, weil ich nicht Holger bin. Das tut uns Leid, lieber Holger, schrieben sie sinngemäß. 
Mehrmals habe ich mir jetzt den kleinen folgenlosen Scherz erlaubt, auf die Holgermails, wie ich sie mittlerweile nenne, nur kurz mit dem Satz “Ich heiße nicht Holger” zu antworten. Aber natürlich werde ich oft darauf hingewiesen, dass man auf ihre Mail, die eine Kommunikation zu bezwecken nur den Anschein erweckt, nicht antworten kann. No reply. 
Ich stelle mir aber vor, wie ich doch ein Stöckchen in die Maschine geworfen habe. Hitzig glühen die Prozessoren, um den Widerspruch zu lösen, die Anrede zu optimieren. Tausende Namen werden in Bruchteilen von Sekunden verworfen. Aber erst, wenn “Die Anwendung reagiert nicht” auf dem Display des übermüdeten IT-Wächters aufleuchtet, wäre ich zufrieden. Ich hätte mich bemerkbar gemacht, wenn auch nur anonym und nicht als der, der ich bin, was, wie es aussieht, immer häufiger nicht mehr vorgesehen ist.
Tief im Inneren spüre ich, dass ich mich weiterhin wehren muss. Ich darf nicht Holger werden.
Dann hätten sie es geschafft.
Dann kann ich jeder sein, den sie nur wollen.
Das ist vielleicht das Ziel.
Aber ohne mich.
Mein wirklicher Name soll mein Bunker sein, und wenn sie mich nicht bei diesem Namen nennen, verbanne ich sie bei genügend Aufdringlichkeit in den Spamordner. Das ist schon lange der letzte Deich vor der Flut auf der Insel, auf der ich kämpfe.