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Donnerstag, 24. September 2020

Im Netz der Fragen

Dass die Welt voller Fragen ist, wusste man ja schon ohne Google.
Ursprünglich geschaffen, Antworte, wenn nicht zu finden wenigstens zu versprechen, schickte mir Google aber nun plötzlich eine obskure Chiffre.
“Eine Frage, die Sie abonniert haben, wurde als Duplikat einer vorhandenen Frage markiert. Sie können diese Frage abonnieren, um immer informiert zu werden, wenn es Neues dazu gibt.”
Wer abonniert Fragen?
Ich werde in der Mail weiter unten noch eingeladen, "Frage ansehen" anzuklicken und erfahre in einem neuen Fenster, wobei schlagartig die Verhandlungssprache ins Englische wechselt, dass es sich um ein “locked thread” handelt.
Ich könnte gern ein neues “support ticket” kreieren, heißt es, worauf sich ein neues Fenster öffnet, das mich zum neuen Fragen einlädt.
Ein Fragengenerator, dieses Google.
Wie wird es weitergehen?
Wird sich das Duplikat der vorhandenen Frage erneut duplizieren, obwohl ich weiterhin überhaupt nichts zu fragen gedenke?
Kann ich Duplikate abonnieren?
Wird es nach einigen hundert Duplikationen mathematisch zwingend das ganze Universum mit meiner Frage füllen müssen, die längst als "locked thread" verstummt ist?
Abonnieren möchte man so etwas jedenfalls nicht.

Samstag, 12. September 2020

Sinnsuche vor dem Zahnarztbesuch

Das letzte Artefakt des analogen Zeitalters ist das Bonus-Heft des Zahnarztes.
Es erinnert an das Heftchen, in das man als Kind Bienchen eingestempelt bekam, wenn man fleißig war.
Dumm, wenn man das Heft verbummelt hatte. Großes Bienensterben.
Gerade suche ich das verflixte Bonusheft, denn die Zahärztin hatte sogar schriftlich gemahnt, meine Corona -Furcht endlich zu überwinden und ihr den weit geöffneten Virentrichter Mund zuzuwenden.
Und das Bonus-Heft mitzubringen.
Habe ich es bei “Krankenkasse” abgeheftet oder in das Mäppchen mit dem Reisepass gelegt? Oder im Auto liegenlassen beim letzten Mal? Hat Säurefraß es vernichtet oder ist es Kuriositätensammlern in die Hände gefallen?
Wie hilfreich wäre es, wenn das Bonusheft noch als Steintafel ausgegeben wäre. Über die man zuhause dann doch immer mal stolpert. Keine dumme Idee damals, die Gesetze in Tafeln zu meißeln. Besser als die Gesetze selbst, nebenbei bemerkt.
Theoretisch könnte die Zahnärztin ganz einfach auf meiner Chipkarte eines dieser Cookies hinterlassen, die sich wie Aerosol im Internet ausbreiten und die ich täglich in großer Zahl bejahen muss, wenn ich überleben will.
Und der Krankenkasse könnte man ganz einfach mithilfe dieses neuländischen Internets mitteilen, dass ich doch noch rechtzeitig zur Heerschau meiner Zähne angetreten war.
Aber so wie man Beileidskarten nicht per Mail verschickt, schickt es sich wohl nicht, ein so wichtiges Zeugnis wie den Existenznachweis eines gepflegten Gebisses zu digitalisieren. Vielleicht geht es um diese Menschenwürde, von denen immer mal wieder die Rede ist.
Ich muss dieses kostbare Heftchen finden, in welchem sentimentaler Weise noch mein Mädchenname steht und die Adresse durchgestrichen ist, weil wir umgezogen waren. Ein wenig ist da die Tinte auch verlaufen.
Im Darknet kriegt man sicher günstig eine Fälschung, denn das Bonusheftchen hat nicht die geringsten Sicherheitsmerkmale. Wäre der Bonus, den es tatsächlich bringt, höher, würden massenhaft Fälschungen auf den Markt kommen.
Aber es lohnt sich nicht.
Ich habe auch noch längst nicht überall gesucht.
So bescheiden, wie es aussieht, könnte es auch in die DDR-Schachtel geraten sein. Oder ein Windstoß hat es aus dem Fenster geweht.
In fünftausend Jahren wird man das Heft, wenn es endlich gefunden wird, im archäologischen Museum ausstellen: das letzte überlebende Papierdokument der Menschheit.
Retter der letzten Heftchendruckereien.
Gruß aus dem Mittelalter.
Ich muss es finden. An mir soll das Abendland nicht untergehen. Ich werde es finden.
Denn ein gesunder Zahn der Zeit nagt ewig.

Donnerstag, 10. September 2020

Mein Warntag

Um elf Uhr sollte heute bundesweit geprobt werden, wie man die Bevölkerung vor Gefahren warnt.
Bei uns auf dem Dorf blieb es mucksmäuschenstill.
Keine Sirene, nirgendwo spürtest du kaum einen Hauch von irgendwas.
(Die Vögelein schwiegen im Walde, was mich übrigens schon lange warnt.)
Es war heute elf Uhr stiller noch als Tage zuvor full time im üblichen Rasenmähersommer.
Wahrscheinlich wäre ich im Ernstfall jetzt Holzkohle, längst verstrahlt, überschwemmt oder überrollt.
Oder noch schlimmer! Ich wäre in einen Alarmzustand versetzt, der mein Herz rasen ließe! Ich würde panisch zu Hamsterkäufen eilen, die dringendsten Testamentsänderungen vornehmen, mich besaufen undsoweiter.
Was man so macht im Alarm.
Aber niemand hat mich heute auch nur versucht zu warnen.
(Zum Glück)
Auf jeden Fall bin ich jetzt gewarnt: dich warnt keiner. Warne dich selbst!
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Nachtrag 11.18 Uhr: Zum Glück noch auf den "Postillon" geklickt.

Dienstag, 8. September 2020

Das Altsein ist eingetreten, wenn...

...man findet, dass die Freunde alt aussehen.
(Sie sehen sogar noch älter aus als sonst, weil sie in dem Moment gerade in bisschen erschrocken darüber sind, wie wir, ihre alten Freunde, alt aussehen.)
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...man Dankbarkeit dafür empfindet, heute nicht jung sein zu müssen.
(Das beginnt mit der seeligen Erinnerung, Innenstädte, Bahnhöfe etc. noch ohne Überwachungskamera erlebt zu haben und endet in der offensichtlichen Tristesse, wie die Jungen heute über soziale Netzwerke tagesfüllend Bindungen simulieren oder mühsam Sexualpartner organisieren müssen.)
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....man sich zunehmend darum sorgt, sich in Sicherheit bringen zu müssen bei gleichzeitg zunehmender Einsicht, dass es keine Sicherheit gibt, nirgendwo.
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…man immer öfter googeln will, um nachzugucken, ob Menschen noch leben, die man, etwa als Musiker oder Schauspieler, mal sehr geschätzt hat.
Immer seltener leben sie noch.
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...man fortschreitend ertaubt gegenüber jeglicher Begeisterung, ob revolutionärer oder kommerzieller.
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...man immer öfter für seine angeblich diskriminierende Wortwahl diskriminiert wird, meist als “alter, weißer Mann”. Immerhin darf man sich noch auf die Parkbänke setzen.
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...man hofft, dass die Oberfläche des Computerprogramms jetzt mal so bleibt, statt sich immer undurchsichtiger zu verbessern.
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...einen junge, attraktive Menschen statt respektvoll vor der Lebensleistung eher angucken, als wollten wir sie begrapschen.
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(Es gibt noch viel mehr Merkmale des Alterns. Aber man vergisst jetzt ja auch so viel. Und wenn es einem wieder einfällt, stellt sich auch sofort das Gefühl ein, dass das Vergessene eigentlich gar nicht wert war, behalten zu werden.)