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Montag, 30. November 2020

Feuer und Champagner

Als der Fahrer mit knapper Not dem brennenden Formel-1-Rennwagen entschlüpfte, in welchen er wahrscheinlich seit seiner Kindheit nichts als hinein wollte, war mein erster Gedanke: in einem Elektroauto wäre dir das nicht passiert. Andererseits: wer weiß, wie hoch und gefährlich sie auch die E-Boliden züchten würden.
Wie oft hat man versucht, mich von der Sinnhaftigkeit dieser obskuren Auto-Rundfahrten zu überzeugen, indem darauf verwiesen wurde, wie viele segensreiche Erfindungen von hier aus ihren Weg bis in meinen Kleinwagen genommen haben, der sich dankenswerter Weise nicht so leicht entzündet.
Aber am Benzin-Verbrennungsmotor gibt es nichts mehr zu erfinden außer wie man ihn ersetzt.
Immerhin haben Formel-1-Fahrzeuge bereits, allerdings nur ergänzend, einen Elektromotor, der seine Energie auch nur aus der Verbrennung des Benzins gewinnt.
Beim Boxenstopp denke ich manchmal: jetzt hebeln sie den ganzen Ottoschrott raus, kleben irgendeinen Öko-Aufkleber rauf und lassen den Rest wieder elektrisch und in beherrschbarem Tempo lossummen.
Dass die Beteiligten weit entfernt sind, auf derartige Evolutionssprünge zu verfallen, zeigt immer der vorgetäuschte Orgasmus, wenn zur Siegerehrung aus der Hüfte der Champagner abgespritzt wird.
Er bestätigt zwei überholte Fahrmotive: Lustgewinn und Verschwendungssucht.
Freilich ist mir klar, dass die monströsen Champagnerflaschen nur als Hilfsgeräte der Begeisterungsdarstellung dienen. Schließlich kann man das Preisgeld nicht einfach so einsacken wie ein Kraftfahrer seine Lohntüte, sondern muss dem Publikum halbwegs glaubhaft einen ekstatischen Freudentaumel vermitteln. Ohne darstellerische Gaben ist dies nur mit den sprudelnden Winkelementen zu kommunizieren.
Schade nur um die Weinbeeren und die Kunst der Winzer.
Ich stelle mir vor, wie die einigermaßen klimaneutralen Skilangläufer am Ende mit alkoholischen Getränken um sich schleudern. Ließe dies nicht den Mannschaftsarzt aufschrecken?

Dienstag, 24. November 2020

Diktaturvergleich

Ein wesentlicher Unterschied zwischen einer so genannten Corona-Diktatur und einer richtigen dürfte sein, dass man bei letzterer von zuhause abgeholt wird, während man bei ersterer zuhause bleiben soll.
Aber es gibt der Unterschiede mehr!
In einer Corona-Diktatur kann man nur beschwerlich und in Grenzen zum Märtyrer bzw. zur Märtyrerin aufsteigen. Zum Vergleich mit Sophie Scholl etwa fehlt fatal die Hinrichtung.
Ein bisschen ist es so wie mit dem Spruch meines Vaters, als ich klein war: “Ihr wisst ja gar nicht, was Hunger ist!”
Wie konnten wir das, wenn wir ständig aufessen sollten!
Es war nicht fair, uns Kindern das vorzuwerfen, denn wir hatten uns nicht ausgesucht, in schon wieder bescheidenem Wohlstand aufzuwachsen.
Nun, immerhin hatten wir länger als die Kinder im Westen noch Diktatur, aber es war, verglichen mit Sophies Welt, doch nun wirklich nur eine Diktatur light. Aber schon aus diesem abgestuften Erlebnis heraus könnte ich dazu neigen, mit “Ihr wisst ja gar nicht…” anzufangen.
Ich bin hingegen nur gespannt, ob später die Aufhebung der Hygienevorschriften von den Gegnern als Sieg gefeiert werden wird. Denn bei keiner Diktatur jemals in der Geschichte hatten Widerständler so wenig Verdienst an deren Ende wie diesmal.

Samstag, 21. November 2020

Altersungerecht

Nichtaltwerden klappt nicht.
Biden hatten sie gerade noch dazu bekommen (Doping?), im Laufschritt auf die Wahlkampfbühnen zu hüpfen, als wollte er einen Boxtitel verteidigen.
Lange hat der Endsiebziger diese Gangart nicht ausgehalten.
Anwalt Giuliani hingegen läuft die Haartönung über die Wangen.
Beide tauchen in die Fake-Jungbrunnen sicher nicht, weil sie selbst ein Problem mit dem Altern haben. Sie sorgen sich um die Geringschätzung durch die Jüngeren.
Sie fürchten, mit 78 bzw. 76 für berufsungeeignet gehalten zu werden.
Die Bereitschaft zur Illusion einzig ist es dann, die sie jünger wirken lässt als sie sind.

Dienstag, 17. November 2020

Ansteckende Entzweiung

Den Vorsichtigen ist man zu leichtsinnig.
Den Leichtsinnigen ist man zu ängstlich.
Den Ängstlichen ist man zu optimistisch.
Den Optimistischen ist man zu zweiflerisch.
Den Zweiflerischen ist man zu entspannt.
Den Entspannten ist man zu aufgeregt.
Den Aufgeregten ist man zu geduldig.
Den Geduldigen ist man zu verzweifelt.
Den Verzweifelten ist man zu naiv.
Den Naiven ist man zu vorsichtig….
(Von vorn wieder anzufangen)

Freitag, 13. November 2020

Das süße Ende

Womöglich bin ich einer ganz großen Verschwörung auf den Fersen, aber wie so oft fällt mir nicht ein, wem das Ganze nützen soll. Und eine Verschwörungstheorie ohne heimliche Profiteure im Hintergrund ist noch unglaubwürdiger als eine mit.
Egal, ich spüre jedenfalls eine dunkle Macht, die mir immer eindringlicher suggeriert, dass Gemüse süß sein muss.
Zuerst hatten sie im Supermarkt den Paprika mit "herrlich süß" beworben. Okay, dachte ich, es gibt verschiedene Richtungen beim Paprika.
Aber heute nicht mehr.
Scharfer Paprika ist verschwunden.
Früher gab es immer welchen aus dem immerhin EU-Freihandelspartnerland Ungarn, aber entweder behält Orban jetzt alles für sich (Hungary first!) oder die marokkanisch-spanische Paprikamafia bewacht die ungarische Grenze. Oder beides.
Der Paprika hat mittlerweile (als Ziel?) erreicht, herrlich nach gar nichts zu schmecken. Geschmacklose Nahrung (Achtung, noch eine Verschwörungstheorie!) bereitet die Menschen, unke ich mal unverbindlich, auf den anorganischen Nahrungsersatz von morgen vor.
Als "herrlich süß" (gibt es auch ein "unherrlich süß"?) werden neuerdings auch Tomaten und sogar kleine Gurken beworben. Süße Tomaten würde ich nicht mal bei Covid-19-Geschmacksverlust in den Salat tun.
Aber süß können die Verschwörungsbauern wahrscheinlich am besten.
Als nächstes werden sicher die Zwiebeln nach Marzipan und der Spinat nach Nougat schmecken.
Bis man konsequenter Weise zwischen Marzipan und Nougat nicht mehr wird unterscheiden können.
Zuletzt wird das Personal mit "herrlich süß" etikettiert.
Damit kämen vielleicht die ersten Zweifel auf.

Mittwoch, 11. November 2020

Gänsefußpflege

Irgendwann war man offenbar gänsefußlahm. Und lässt nun in den Zeitungen die selbst ernannten “Reichsbürger” ohne redaktionelles Statement der Befremdung so dastehen, als gäbe es sie.
Demnächst demonstrieren jene, die nur im Gestrigen das Morgen sehen, in Potsdam für die Rückkehr der Monarchie.
Sie, die sie Steuern für rausgeschmissenes Geld halten, wollen als treue Untertanen lieber Hofhaltung finanzieren.
Na, gut. Auf etwas mehr oder weniger Irrwitz auf den Straßen kommt es nicht an.
Aber hat man sie nicht schon damit heim ins Reich geholt, wenn man ihnen die Selbstbezeichnung gänsefußlos einräumt?
Die sie doch nichts weiter als Verfassungsleugner sind?
Die Coronaleugner nennt man ja nun auch nicht Ohne-Corona-Lebende.
Und müsste man, einmal dabei, jene Tatsachenabstinenzler, welche sich die Erde wieder als Scheibe denken (und solcherlei Gespinste sogar via die Erde umkreisende Kommunikationssatelliten verbreiten) nicht auch Flache-Erde-Bewohner nennen? Gleiche Verblödung für alle!
Wir brauchen zur Zeit eindeutig mehr Gänsefüßchen.
Aber es geht schon damit los, dass die Computertastaturen sich oft schwer damit tun, die Füßchen vorne unten und hinten erst oben anzusetzen. Im Kaiserreich hätte es dafür bestimmt eine Sechs gegeben.
Kurios ist, dass man früher in Springers Presse die DDR grundsätzlich in Gänsefüßchen gesetzt hatte, obwohl es sie gab. Ich kann das bestätigen, denn ich lebte in ihr. Die Gänsefüßchen wollten mir aber sagen, dass ich mich täusche. Es gelang nicht infolge zu deutlicher Wirklichkeit. Heute nun brauchen wir die Füßchen zur Rettung der Wirklichkeit.
Oder sollte ich schon "Wirklichkeit" schreiben?

umdeutlich - neue alte Worte (9)

Schimpfstoff
  (= Nachrichtenangebot)

Montag, 9. November 2020

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (5)

Es wird allmählich anstrengend, sich gegen die Neue Zwangskollektivierung zu wehren.
(Vielleicht muss man sogar bald Kollektive bilden dagegen.)
Für sich sein ist entgegen allem Klagen über soziale Distanz ein Luxus geworden.
Viele wissen das nicht mehr, weil sie es nicht mehr erleben, wie frei man sich fühlt, wenn man weiß, dass man nicht beobachtet wird. Ich bin andererseits gern gesellig, nur will das selbst entscheiden. Das wird zunehmend streitig gemacht.
Das Beobachtetwerden wird trickreich als Gemeinschaftserlebnis verkauft. Die optimiersüchtige Manipulationsindustrie ist auf den genialen Einfall gekommen, ihre Datensammelwut als “Teilen” und “Community” zu bezeichnen.
Nach dem letzten Betriebssystem-Update des iPhone wurde ich zum Beispiel ungefragt Mitglied in einem so genannten Gamecenter, wo ich irgendwelche Spielstände und -Süchte mit Anderen teilen soll. Noch gibt es auffindbare Schalter, mit denen ich mich nachträglich wieder aus solchen peinlichen Zirkeln ausklinken kann. Es ist, wenn man so will, auch ein Spiel. Hide and seek.
“Gamecenter aktivieren” taucht jetzt vor jeder Schachpartie auf, mit einer Dringlichkeit, als hätte ich vergessen, die Herdplatte auszuschalten. (Ich werde gegen das Schachprogramm sowieso verlieren. Aber auch das will ich, verdammtnochmal, für mich behalten.)
In der Tat erinnert mich die Neue Zwangskollektivierung an die alte. Damals wurde man bei uns in alle möglichen Massenorganisationen eingetreten, damit jeder Bereich der staatlichen Kontrolle unterliegt. Jetzt gibt es (entgegen übrigens der vom Eigentlichen wunderbar ablenkenden Verschwörungstheorien) weniger einen Kontrolldrang des Staates als einen des Kommerz. Das Vieh soll ja nur gemolken werden. Nach hinten sollen den Werbekunden möglichst viele Adressaten nachgewiesen werden, nach vorn die Bindung des Nutzers an den Anbieter ins Unauflösliche verfestigt.
Deshalb verlangt das Handy unentwegt, den Sprachassistenten zu aktivieren, meine Fotos in die Cloud zu laden und die Bezahlfunktion einzurichten. Meine Verweigerung wird als “nicht abgeschlossene Konfiguration” bezeichnet. (Die Bauerngesichter hätte ich sehen mögen, denen man “nicht abgeschlossene Konfiguration” bescheinigt hätte, weil sie nicht in die LPG wollen.)
Nach dem Update durchsuchte ich das Gerät nach weiteren Übergriffen und Kastrationsversuchen. Sie fanden sich beispielsweise im Fotobereich. Einige längst überspielte Urlaubsbilder lassen sich jetzt nicht mehr löschen. Womöglich, ergoogele ich, seien sie mit einer App synchronisiert, von der ich nicht weiß, dass sie die Bilder nicht hergibt. Ein paar Neins gibt es beim Kartendienst oder im Kalender zu verteilen.
Habe ich alle Lecks gefunden?
Bin ich noch souverän?
Gehört mir das Handy noch?
Was als Nächstes kommt, sage ich mit geringer Kühnheit voraus: Bestrafung bei Verweigerung, bis hin zur Unbrauchbarmachung des Gerätes.
Wer nicht alles von sich preisgibt, wird keine Technik nutzen dürfen.
Soziale Autonomie wird als asozial bewertet werden.
Dann als Feind.
Zuletzt belächelt erinnert.

Samstag, 7. November 2020

Querstellen ist nicht querdenken

Jeder, der die Wirklichkeit leugnet, nennt sich jetzt Querdenker.
Man schämt sich für diese Okkupation eines kostbaren Ehrentitels.
Weiß niemand mehr, wie querdenken wirklich geht?
Querdenken verlangt Originalität, Witz und Außenseitertum.
Karl Valentin verdient das Attribut “Querdenker”, Loriot, Monty Python, Ernst Jandl oder Mel Brooks.
Aber nicht irgendein Mob, dem es egal ist, was in den Krankenhäusern geschieht.
Leider ist der Geistes-Adelstitel "Querdenker" mittlerweile bereits ärgerlich befleckt. Würde ich Valentin heute laut einen Querdenker heißen, denkt jeder, er sei bloß so ein Maskenmuffel, ein langweiliger, destruktiver Wutbürger gewesen.
"Jedes Ding hat drei Seiten," hatte Valentin gesagt, "eine positive, eine negative und eine komische."
Wer nur auf zwei kommt, ist definitiv kein Querdenker.
Man müsste Titelschutz sichern, aber die Quersteller würden das als Linguistendiktatur beschimpfen.
Solange sie Luft kriegen.
Unterm Strich brauchen wir jetzt ein neues Wort für "Querdenker". Und es muss die ganze Herde infizieren. Das kann dauern.

Mittwoch, 4. November 2020

Aus der besseren Welt

“Sie haben es gut”, habe ich heute gedacht, als mir die Polizisten an der Radarkontrolle begegneten.
Sie überwachten im Kampf gegen das Böse Tempo 80 auf einer dreistreifigen Autobahn ohne Baustelle, festgelegt wegen vermeintlicher Straßenschäden, die man vielleicht sanft spüren würde, führe man doppelt so schnell wie verlangt.
Anderswo, dachte ich, müssen Polizisten mit Sturmgewehren Szeneviertel durchkämmen, um Amokschützen auszuschalten.
Welch federleichtes Ziel bin hingegen ich!
Die Polizisten hier können bequem bei Coffe-to-go im Angelsessel harren, dass ich Sünder vorstellig werde.
Ein rasendes Auto, fällt mir ein, kann freilich auch als eine tödliche Waffe gesehen werden.
Aber mit meinen Neunzig auf der dreistreifigen Autobahn?
Das glaube ich nicht.
Und Nichtglauben ist aller Friedfertigkeit Anfang.

Dienstag, 3. November 2020

Flucht in den Hörsaal

Bis neulich habe ich mit meinem erstaunlich leidenstoleranten Interesse an Geschichte noch versucht, TV-Dokus auszuhalten.
Diese werden allerdings fast nur noch von versprengten Monumentalfilmregisseuren inszeniert, die selbst noch das Ausbuddeln einer Tonscherbe mit einem Crescendo des Bayreuther Festspielorchesters unterlegen müssen. Ständig unken schwellende Hörner und zitternde Celli oder triumphieren von Beckenschall gestützte Posaunen, sobald auch nur die Amtseinführung eines Markgrafen Erwähnung findet.
Nichts, weder Scherbe noch Markgraf, ist dabei länger als eine halbe Sekunde lang zu sehen, bevor vier historisch äußerst fragwürdig gewandete Comparsen eine Völkerschlacht darstellen. (Der am luschigsten wirkende gibt Papst oder Kaiser.)
Kopfschmerz, mindestens Schwindelgefühl ist die Folge dieses Jahrmarktsbudenkrawalls und insofern sicherlich angemessen dem oft so verhängnisvollen menschlichen Tun, aber um so anstrengender, je entschleunigter das alternde Hirn Wissen aufzunehmen wünscht.
Aber die Erlösung ist gekommen. Mit Corona. Mit dem Trend zum E-Learning daheim schwoll plötzlich die Zahl der online verfügbaren Uni-Vorlesungen erheblich an und erlöste mich.
Statt Sinfonieorchester, Kleindarsteller und bedeutungsschwangerem Geraune aus dem Off tritt nun schnörkellos ein naturtrüber Prof ans Pult und spricht mit meist mäßigem Temperament vor unbewegter Kamera eine dreiviertel Stunde. Die einzigen Illustrationen bilden mehr oder minder pünktlich abgerufene Powerpoint-Folien.
Welch Balsam für die dokugeschundene Seele! Und was die graue Maus am Pult alles weiß!
Vieles von all dem Wissen käme ja niemals ins Fernsehen, weil dieses die Zuschauer als kaum belastbar und allzeit fluchtbereit einschätzt. Das Fernsehen hält sich in Bildungsfragen somit lediglich für ein barrierefreies Inklusionsangebot für risikobereite Show-und Serienjunkies. “Nur nicht überfordern!” steht es sicher in großen Leuchtbuchstaben über den Redaktionstischen.
Nicht (oder wenigstens nicht ganz so leuchtend) in den Hörsälen der Hochschulen. Hier bin ich nun oft zu Gast, unsichtbar, keinerlei Quote nährend. Geduldig nehme ich noch den organisatorischen Teil mit oder frage mich, ob Geschichtsprofessoren auch unbedingt historische Mikrofone verwenden müssen.
Beinahe macht es auch ein wenig jung, wieder Student zu sein, wenn auch ein unsichtbarer und liederlicher, der die Kurse nicht vollständig abklappert.
Und nie einen Abschluss macht. Ewig unfertig. Ein schöner Zustand.