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Mittwoch, 30. Dezember 2020

Die Rückkehr der Türsteher

In einen Nachtschuppen zog mich, als ich jung war, ein untersetzter Kraftmensch, Typ Meister Propper, aus den Anstehenden hinein. Nicht weil ich geimpft war, sondern, wie gesagt, ich war jung und beleidigte nicht den Anblick der bereits Drinseienden.
Wenige Jahre später gab es keinen selektierten Einlass mehr, denn der Laden war nicht mehr angesagt und machte deshalb irgendwann für alle und für immer zu.
Heute erwecken die Diskussionen den Eindruck, jeder hätte damals auf die verfassungsmäßig garantierte Gleichheit pochen können und Einlass erhalten müssen.
Abgesehen davon, dass meine damals zuständige Verfassung immer etwas mehr versprach als sie zu halten bereit war. Aber zur bundesdeutschen Verfassung befindet sich ein Türsteher auf den ersten Blick erst recht in krassem Widerspruch. Auf den zweiten nicht, wenn er die Gesundheit der Gäste schützt und um einen Impfnachweis bittet, vor der üblichen Gesichtskontrolle.
Die nicht Geimpften könnten vor dem Verfassungsgericht Zugang zu Restaurants und Bars erwirken, in denen sich ausschließlich nicht Geimpfte befinden und einander in Ruhe ausrotten.
Ich, der Impfwillige, aber noch nicht vom Türsteher des Impfzentrums Eingelassene isst und trinkt solange weiter zuhause.
Schon damals vor dem Nachtschuppen murrte die Menge, als ich reingezogen wurde. Sie würde jetzt, wie es aussieht, wieder murren, wenn Corona-Geimpfte Privilegien genießen.
Das Privileg des Geldausgebens vor allem.
Und ich gönne den Wirten jedes Geschäft! Warum sollen sie auf mich warten, der ich aus dem Warten keine geschäftlichen Nachteile erleide, im Gegenteil: ich gebe weiterhin weit weniger aus als früher. Meine Bürgerrechte sind intakt, wenn ich nicht an jedem Tresen hänge.
Ein Verbot von Privilegien privilegiert die Neidischen. Wenn ich nicht darf, denken sie, sollen die auch nicht - wenn das ein Verfassungsrecht ist, sind wir darum nicht zu beneiden.
Zugucken werde ich beim Zank darum noch ein Weilchen vom Sofa.

Dienstag, 22. Dezember 2020

Das Erbgut des Horrorkinos

Am wenigsten wird behalten, was in der Schule über Mutationen erzählt wurde.
Und, wie so vieles, nicht verstanden, denn nichts ist so unbegreiflich wie das Plötzliche, dessen Ursache und Auslöser unbekannt bleiben.
Rätselhafteste Quantenphänomene (Tunneleffekt) können verantwortlich sein..
Schon durch die Verborgenheit ihrer Entstehung schreckt sie, die Mutation.
Aber noch viel mehr infolge der kulturellen Prägung durch Unterhaltungsfilme meist minderer Qualität.
Die Mutanten, das sind dort oft die plötzlichen Ungeheuer, die (bevorzugt nachts) mordend umherziehen.
Oder die Mutation verleiht verhängnisvolle Superkräfte oder Riesenwuchs.
Meist geht die Reise verlässlich in Richtung des Bösen.
So sehen wir die Engländer (welche ursprünglich wohl auch nichts als mutierte Sachsen sind) oder Südafrikaner als Opfer des mutierten Corona-Virus in den Klauen von Monstern.
Dadurch können Gesundheitsaufklärer immerhin endlich einmal die Halbbildung des Volkes, hier in Gestalt der Mutationsfurcht, nutzen.
Im Übrigen würfelt das Mutieren manchmal auch einen Gewinn für uns: nur haben wir die Mutationen des Virus in Richtung Ansteckungsschwäche nicht bemerkt, weil sich eben niemand damit anstecken konnte.
Es ist sowieso besonders böse eingerichtet, dass das Gute nicht bemerkt wird.
Was keine Angst macht, ist leicht unsichtbar in der Aufmerksamkeitskultur.
Um es zu würdigen und zu fördern, müsste das menschliche Gehirn mutieren wie noch nie.

Montag, 14. Dezember 2020

Ho-Ho-Hohn!

Kurz vor dem Super-GAU des Weihnachtsgeschäfts entwickelt der Einzelhandel einen schrägen Humor.
"It's the most wonderful time of the year" rieselt es im Supermarkt ungebremst von der Decke.
Diese frohlockende Verheißung in der Stimme von Andy Williams!
Hämisch grinst der Weihnachtsmann aus der Schololaden-Umverpackung.
Wer den Lockdown hat, muss für den Spott nicht sorgen.
Na gut, wonderful ist ein dehnbarer Begriff.
Das Wunder des Rückgangs der Infektionen ist nicht getan worden. Kein Wunder.
Aber die mächtige Stimmungsmaschine auszubremsen hat der Bund-Länder-Gipfel gestern offenbar vergessen. Das Marktpersonal, das sich schon seit vielen Jahren meines Mitleids sicher sein darf, steht weiterhin über die volle Ladenöffnungszeit unter der Dröhnung der einschlägigen musikalischen Munitionierung. Da sie ja eingelegt wird, um zum Kauf zu stimulieren, ist sie ab Mittwoch überflüssig. Hamsterkäufe drosselt man nicht mit "Morgen, Kinder, wird's was geben".
Noch rast der Weihnachtszug ungebremst auf den Prellbock zu.
Seinerzeit, vor vielen, vielen Weihnachten, als die Engel noch "Jahresendfigur mit Flügeln" hießen, zeigten meine führenden Genossen große Rücksicht auf die Empfindsamkeit ihrer Untertanen. In Auswertung der Versorgungslage durfte zum Beispiel "Zwei Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Bananen" nicht im Radio gespielt werden. Volkes Zorn musste immer unter Siedepunkt gehalten werden.
Aber heute gibts noch einen oben drauf.
Als gäbe es keine Anti-Folterkonvention der Vereinten Nationen.
Es reichte ja ein Zusatzartikel zum Infektionsschutzgesetz.
Oder nur ein weiteres Machtwörtchen.
Ein wohltuendes Pssst.
Stille Nacht.

Donnerstag, 10. Dezember 2020

kurz gedacht (2)

Noch ärgerlicher als das schlecht Gemachte ist die Zufriedenheit damit.
*
Das Kopf-in-den-Sand-stecken kommt oft vom Sand-in-den-Kopf-stecken.
*
Die Leichtgläubigen sind leider auch die Glaubensfesten.

Im Zauberwald der Technik

Dass sich die Dinge verwandeln, magische Kräfte erwerben oder Flüche verhängen, ist längst nicht mehr ein Privileg der Weihnachtsmärchen, mit denen Kindern schon immer die langen Winterabende verkürzt werden.
Immer wunderlicher wird auch die Technik.
Heute zeigt mir die die Google-Mail-App im Handy Posteingänge an, während die Desktopversion leer ist.
Ein Zauberspiegel? Oder nur eine dieser verwunschenen Verbesserungen?
Geht man in "Einstellungen", tauchen dort ständig neue Optionen auf, die man nicht einmal versteht, geschweige entscheiden kann. User im Wunderland.
Es wimmelt von guten Feen, die nur leider chinesisch reden.
Wenn ich die Schrankbeleuchtung einschalte, kann ich nicht mehr bei der Telekom HD-Fernsehen gucken.
Ich wohne offenkundig in einem Zauberschloss.
Nach dem Update sind auf dem MacBook Air (unter anderem) die Drucker verschwunden.
Ich hätte wohl nicht, wie Schneewittchen, in die angebotenen Äpfel beißen sollen.
Was geschieht als nächstes?
Hilft das Wünschen?
Lieber nicht an der Lampe reiben.

Dienstag, 8. Dezember 2020

Google schafft Unsterblichkeit ab

Das ist doch mal eine Überschrift und nicht einmal übertrieben.
Google will, so teilt es mir heute morgen mit, jetzt alles, was zwei Jahre nicht vom Account-Inhaber angefasst wurde, löschen. Und es gibt nur einen Weg, sein Zeug zu behalten: man muss aktiv sein.
Irgendwas machen, ablegen, abrufen, es muss nicht einmal Sinn ergeben. Hauptsache, man hat gewackelt.
Andernfalls müsste Google mich als nicht vorhanden einstufen und hätte nach heutigem Verständnis sogar recht.
Eigentlich verhalte ich mich zuhause ebenso. Was mehrere Jahre nicht angefasst wurde, hat hohe Chancen, seine Reise ins Recycling oder die Müllverbrennung anzutreten. Die Einsicht, dass wir viel zu viel haben, hat nun auch einen Riesen erreicht, der uns bisher glauben machte, dass es auch für das Banale keine Gürtellinie der Bewahrungswürdigkeit gibt.
(Ich erinnere mich bei der Gelegenheit, wie einmal der Papst im von edlem Krempel vollgestopften Petersdom die Menschen ermahnte, nicht so viel Besitz anzuhäufen. Es schien mir damals wie ein Hilferuf aus eigener Not. Der nicht erhört wurde.)
Die eigentliche Botschaft lautet freilich, dass Google vor allem die Unendlichkeit abschaffen muss. Es gibt wohl doch nicht Speicherplatz satt. Und so wird schon mal die Sparte “Friedhofsverwaltung” aufgegeben.
Auch dieses Blog wird von Google bereitgestellt.
Meine Chancen, dass ein Cyber-Archäologe nach zehntausend Jahren auf völlig verstaubten Servern diese Kritzeleien aus der späten Erdölzeit entdeckt, schwinden nun also leider erheblich.
Ich hätte sie in eine Höhle ritzen sollen.

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Fragwürdiges Befragen

Eine bedeutende Quelle menschlicher Missverständnisse sind Meinungsumfragen.
Gerade habe ich in einem Anflug von naiver Gläubigkeit doch mal wieder eine mitgemacht, in der von Frage zu Frage erneut schwindenden Hoffnung, meine Meinung auch tatsächlich kund tun zu können.
Dabei stand auch diesmal das höhnische “Ihre Meinung ist uns wichtig!” drüber. Und ich weiß, dass ihre angeheuerten Meinungsmechaniker daraus für die Firmenchefs eindrucksvolle Powerpoint-Präsentationen basteln, die erklären sollen, was die Kunden wollen, obwohl mein Kundenwille durch diese Umfragen nur durchdringen kann wie Schreien durch Dreifachfenster.
Vor allem haben sie irriger Weise wieder in mir dieses seltsame Körperorgan vermutet, das in der Lage ist, alles Mögliche zwischen 1 und 10 einzustufen, oder auch zwischen 1 und 5. Ich besitze allerdings ein solches Sinnesorgan. Mir fehlt hier etwas Evolution. Statt zu sagen: ”Das Gemüse war sehr lecker, aber die Soße fad” kann meine Zunge das ganze Gericht nicht zwischen 1 und 10 verorten. Was hat denn der Koch erfahren, wenn ich “7” sage? Er kann es in eine Rechenmaschine kippen und hofffen, irgendwann die 8 zu erreichen. Dabei weiß er nicht mehr, was er am Gemüse noch verbessern soll.
Wenigstens gab es diesmal ein Textfensterchen, in welches man humanoide Prosa schreiben durfte. Ich nutzte es auf meinem aussichtslosen Privatkreuzzug, dem Anbieter, einem namhaften Spreader bezahlter Fernsehinhalte, mitzuteilen, dass etwas, das sich “Monatsticket” nennt, nicht ein automatisches Abo sein sollte, das man nicht vergessen darf zu kündigen, sonst setzt es dort nämlich Mahnungen mit Aufschlägen.
Im weiteren Verlauf der Umfrage wurde mein monatsweises Dasein aber hartnäckig Abo genannt, so dass ich letztlich häufig die letzte Zuflucht des Überfragten nahm: das “Weiß nicht”-Fensterchen.
Nicht jede Umfrage bietet es an.
Oft erstickt man unterwegs an Unbeantwortbarem. Auch diesmal wurden viele Fragen, deren Antwort ich gerne geben würde, gar nicht erst gefragt.
Gern würde ich den Meinungsforschern mein Unbehagen an Zahlenmagie mal direkt mitteilen. Aber deren Interesse daran liegt sicher irgendwo bei Null.
Was sie einzig brauchen, ist Statistik-Stimmvieh für eindrucksvolle Powerpoint-Präsentationen, die den Unternehmen das dafür ausgegebene Geld wert zu sein scheinen.
Vielleicht würden sie gern subtiler forschen.
Aber sie selbst fragt schon gar keiner.