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Samstag, 27. Februar 2021

Krisen - Körner -3-

Der Begriff “Lockerung” ist verhängnisvoll unglücklich, weil er ein Loslassen, ein Nachlassen der Entschlossenheit beinhaltet. Und genau das haben dann 'Lockerungen' auch meist im Gefolge.
Ich fände z.B. “Freiheitsräume” besser. Die wären gegen das Virus zu erobern und dürften ihm gleichzeitig keinen Zugang gewähren.
*
Wenn Leute trotz immer neuer Mutationen einen “konkreten Zeitplan” der ‘Lockerungen’ fordern, ist das immer, als hätte man gerade vergeblich einem Kind erklärt, dass man nicht auf Bestellung eine Sechs würfeln kann.
(Natürlich wissen die Kläger um das Illusorische ihrer Forderung. Es dient wahrscheinlich nur der Druckkulisse schlechthin.)
*
Dass sich so viele berufsmäßige DenkerInnen, etwa aus Literatur und Philosphie, so wenig und unergiebig über die Pandemie äußern, kann nur als Ursache haben, dass sie es nicht bezahlt bekommen.

Freitag, 26. Februar 2021

Plaudern 2.0

Die Kommunikation in den so genannten Communities und Social Medias des buchstäblich atemlosen Internet muss derzeit viel Kommunikation der luftverseuchten Außenwelt ersetzen.
Natürlich kann man das Internet da nur einfach als bloße Plexiglasscheibe benutzen und abgesehen davon richtig miteinander, sich gegenseitig entgegenstreamend, reden. Ein geselliges Abendessen mit Freunden unterscheidet sich dann von einer Zoom-Konferenz nur noch wie ein Konzertbesuch bei den Philharmonikern von einem handy-gestreamten Hauskonzert der zweiten Bratsche.
Per getipptem Text aber wird es schnell seltsam, irritierend, verstörend, schizophren. Und das schon lange, aber jetzt erst recht. Und ich bete zum Impfstoffausstoß der Pharmakonzerne, dass diese Mitteilungsweisen an Rang auch wieder was einbüßen!
Denn sie zerfleddern die menschlichen Bande, die auch so schon nicht die bestgewebtesten sind.
Deutlich wird Manches, wenn man die Kommunikation sich mal kurz in die Echtwelt übertragen vorstellt und das Internet als ein Wohnhaus. Dann eröffnet sich eine vertrackte Parallelwelt, in welcher Kommunikation, wenn man Pech hat, nicht mal eine ist. Denn:

1. Es ist nicht sicher, ob man gehört wird.
Denn alle schreien durcheinander.
Und die meisten wollen lieber etwas mitteilen als etwas mitgeteilt bekommen. Das war und ist bei Treffen in der Echtwelt eigentlich genau so, nur gibt es da Höflichkeitstraditionen, die ein zumindest zeitweises Zuhören erzwingen. Aber im Internet gibt es keine Tischsitten, vor allem, weil es keine Tische gibt. Dafür ein wuseliges Durcheinander in Sälen und auf zugigen Treppen, und das meiste richtet sich auch nicht an konkrete Mitmenschen in Saal oder auf Treppe, sondern wird in volle Räume hineingeworfen, oder ins Treppenhaus gebrüllt, oder irgendwo vom Wegesrand aus Eilenden nachgerufen, die aber oft selber schwer unterwegs sind und oft nur die drei ersten Worte missverstehen, bevor sie weiterrennen.
Ob Kommunikation stattfindet ist den Kommunizierenden also oft gar nicht bekannt. Sie hasten an Meinungen vorbei wie einer an Plakatwänden, der aber ganz schnell zum Bahnhof muss, weil er einen Zug verpassen könnte, von dem er nicht weiß, wann er wohin fährt.
Höchste Anforderungen also an das eigene Erwartungsmanagement, denn:

2 Niemand bleibt länger als für drei Sätze.
Small talk in Amerika ist gegen Austausch im Internet eine Endlosdebatte. Wenn Unterhaltungen, ob bei Facebook oder in Foren, ausufern, dann nur, weil zunehmend zu viele durcheinander reden, bis gar nichts mehr klar ist. Ansonsten ergibt der ausgesprochene Dialog meist etwa eine Minute, und das Ganze versinkt ergebnisoffen in der Timeline.
Wenn auch eben leider nicht wirklich, denn:

3. Alles steht für immer an der Wand.
Von wegen gesagt ist gesagt. Es ist alles so gut aufbewahrt wie der Schriftwechsel zwischen Goethe und Schiller. Noch nach Jahrzehnten findet sich das "Guten Tag, ich bin neu hier", falls es jemand nachlesen will, auf einem Strom fressenden Server in Island oder Alaska. Bei Foren vor allem darf man selber gar nichts radieren, sondern muss bei einen geheimnisvollen Administrator um Vergessen betteln. (Eine Chance immerhin, die Goethe und Schiller verwehrt ist.)
Oft muss man gar nicht um das Selbstgesagte bangen, sondern um das, was man zurückgesagt bekommt. Denn:

4. Irgendeiner pisst einen immer an.
Seit längerem plädiere ich dafür, den Promillestand oder gar die Drogenbeteiligung bei Postings anzugeben. Denn nicht immer sind die Trolle beleidigend oder rechtsradikal, sondern, was eigentlich noch peinlicher ist, konfus. Ich meine auch, Pubertierende herauszuschmecken, deren Verstand sich noch im Gequirltwerden befindet. Alle kommen sie, doch man will sie nicht am Tisch haben, den es ja, was man immer noch nicht kapiert hat, gar nicht gibt. Deswegen sagt man immer öfter lieber nichts, als Streufutter für Trolle auszulegen. Oder, genau so quälend, schlechtes Deutsch erwarten zu müssen.
Und letztlich:

5. Die Leute sind nicht unbedingt die Leute.
Internet ist Maskenball ohne Aschermittwoch.
Als es für mich los ging, in den frühen Neunzigern bei "Compuserve", konnte man nicht mit dem eigenen Namen posten, sondern nur mit einer Nummer. Als man später seinen Namen endlich benutzen konnte, benutzte ihn kaum einer. Lieber dachtem sich die Leute einen neuen Namen aus, weil sie auf einmal keine Lust mehr hatten, sie selber zu sein oder als solche findbar. Auch Staatsdiener fremder Mächte, die per Druckbetankung manipulative Botschaften verbreiten, melden sich nicht mit Name und Dienstgrad, sondern tun, als wären sie der Freund, der einem fehlt. Selbst bei einer Gesprächsform, die es in der Wirklichkeit überhaupt nicht gibt, den Kundenbewertungen im Laden, weiß man nicht, ob die Kunden Kunden sind. (Immer öfter sind sogar die Shops gar keine Shops.) Überhaupt muss es schrecklich sein, in einem Warenhaus von zweitausend Meinungen zu einem paar Strümpfe angefallen zu werden.
Fazit:
Zum Glück ist die Welt draußen manchmal noch erfreulich primitiv.

Mittwoch, 24. Februar 2021

frühlingsahnen (anlasslyrik)

bis vor kurzem totenblasse
sonnen sich auf der terrasse.

Wie ich aus der Kirche austrat, ohne drin zu sein

Es war vielleicht mein Glück, dass es nur lutherisch war.
Gegen meinen Willen, so muss ich das schon sagen, bin ich im Alter von wenigen Tagen diesbezüglich getauft worden. Ich war sozusagen noch null, hatte nur Schnuller und Happahappa im Kopf und wälzte innerlich keinesfalls die Gretchenfrage.
Vergleichsweise, so könnte man meinen, fiel der Missbrauch, denn ich war zur Taufe ein willenloses Objekt des Wollens Anderer, bei den Lutherschen insgesamt glimpflich aus, aber er blieb leider nicht der einzige.
Jahrzehnte später hat mich das Versäumnis, rechtzeitig aus der Kirche auszutreten, einen saftigen vierstelligen Betrag Kirchensteuer-Nachzahlung gekostet. Ich war nach Berlin gezogen, und bei der dortigen Kirchensteuerstelle läuteten sofort süß die Alarmglocken der Kirchenkasse, während sie zuvor in Potsdam verhängnisvoll stumm geblieben waren.
Der Geldbetrag war dann, wenn man so will, der zweite Missbrauchsfall, denn noch immer hatte mich niemand gefragt, ob ich überhaupt mitmachen will in sowas wie Kirche. Aber auch diesmal blieben die psychischen Dauerschäden begrenzt. Ich kann nach wie vor soziales Engagement von Gläubigen würdigen und schätzen, ohne posttraumatische Panikattacken zu kriegen, wenn ich einen Pfaffen sehe. Nur ein bisschen sauer bin ich bis heute, weil ich nie einen Gottesdienst besucht hatte - also wenig Show für viel Kohle.
Ich musste damals sogar selber recherchieren, aus welcher Kirchengemeinde ich denn jetzt konkret austreten müsse, um raus zu kommen.
Ach und es gab gleich darauf noch einen dritten Missbrauch. Es war nämlich diskriminierender Weise von einer “Austrittswelle” der Ostdeutschen die Rede, und es gab Diskussionen darum, warum so viele im Osten (angeblich) den Glauben verlieren, (den sie nie hatten). Man nennt sowas auch gern “vom Glauben abfallen”. Aber ich hing ja nie dran. Ich wollte das gern sagen, aber es fragte keiner und mein diesbezüglicher Brief an den Bischof mit Zitat aus Lukas.19 (“Mein Haus soll ein Bethaus sein; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.” Die schöne Stelle.) wurde mit Schweigen gesegnet. Der Missbrauch, meine ich, bestand nun darin, meinen Wertebestand als degenerierend zu diskriminieren.
Na gut, biblisch lange her das alles. Die Religion, sagt Diderot, hat viele Menschen böse gemacht. So weit muss es mit mir nun nicht auch noch kommen.
Um wie viel erklärlicher, so tröste ich mich, ist die Austrittswelle derzeit in der katholischen Kirche: Missbrauch, Deckeln von Missbrauch. Festhalten am Missbrauchs-Substrat Zölibat. Patriarchat hardcore anno 2021.
Lieber keine Show fürs Geld als diese.

Montag, 22. Februar 2021

Trends der infizierten Wirklichkeit

Raten, ob hinter der Maske gelächelt oder gegrummelt wird. Wahrscheinlich liege ich immer daneben.
Aber das kriegt auch keiner mit.
Zentimeterweise, scheint es, haben sich abgestorbene Coronaviren auf Terrasse und Gehweg abgelagert, denn es staubt beim Fegen, obwohl es (noch) feucht ist im Boden. Wenn ein Erdrover (statt Marsrover) in hunderttausend Jahren hier Bohrproben nimmt, wird er die meterhoch angehäuften Virenhüllen als Lebensbeweis missdeuten.
Viel lebendiger ist die Tagesschau allerdings auch nicht. Irgendwann kommt immer Frau Giffey.
Etwas Ritualhaftes greift um sich.
Das Ritual ist die überschminkte Schwester der Routine.
Und kann auch Maske sein der Einsicht in eine Unveränderlichkeit.
Die Regierung will glaubhaft machen, dass sie zu handeln bereit ist. Aber alles Handeln ist jetzt natürlich wie ein Spielzug in “Minesweeper”. Vor allem das Gutgemeinte wird später übel genommen.
Das Virus lässt nicht zu, dass sich ein Politiker auf seine Kosten profiliert.
Alle Brillen sind etwas hoffnungslos beschlagen.
Am Telefon heute darüber gesprochen, dass deep faking leichter wird, wenn man sich nur noch medial begegnet und kennt. Noch ist der Aufwand zu groß, sich als aufmerksamen Zuhörer selbst zu simulieren. Man wird sich vielleicht irgendwann zertifizieren lassen müssen, weil das Misstrauen wächst je einsamer man ist.
Seltsam stößt schließlich noch die behördliche Verstörung auf, wenn übrig gebliebene Impfdosen an Leute gegeben werden, die nicht dran sind, damit es nicht umkommt. Auch, dass man eifersüchtig ist auf eventuelle Privilegien bereits Geimpfter.
Die Urangst, dem Anderen könnte es unverdient besser gehen als einem selber. Dabei macht mich jeder Geimpfte sicherer und jeder Gastwirt, der an Kundschaft verdient, glücklicher. Urvertrauen.

Emanzipationskitsch

Kitsch erschafft ein falsches Idyll. Zum Wohlfühlen taugt es, zur Erkenntnisgewinnung nicht.
Letzteres ist harmlos, wenn es sich um einen Elfenreigen in Öl handelt. Denn diese Elfen pfuschen der Weltsicht nicht ins Handwerk. Sie dürfen in dieser Besetzung gern auch so stehen bzw. tanzen bleiben - höchstens bei der ethnischen Mischung wären noch Defizite.
Das viktorianische England ist dem Elfenreigen voraus. Gehobene Positionen in dieser Epoche werden in Filmen neuerdings gern mit Schwarzen oder Indern besetzt. Als ob eine Gleichberechtigung nachgeholt werden könnte, an die damals nicht im Traum zu denken war. Oder als ob einem dieser Widerspruch gleichgültig wäre.
Da gibt es zum Beispiel einen indischstämmigen David Copperfield (launiger Filmuntertitel “Einmal Reichtum und zurück”). Drollig, aber wie ist der überhaupt dahin gekommen? Und wieso wird seine offensichtliche ethnische Herkunft nicht thematisiert? Die Filmkritik hat sich mehrheitlich an der postmodernen Poppigkeit ergötzt. Selbst Kinderarbeit in Fabriken ist nur noch ein pittoresker Farbtupfer.
Bei Netflix hat man in “Bridgerton” gleich eine ganze viktorianische Adelsgesellschaft schwarz besetzt, inklusive schwarzer Queen. Gleichzeitig ist auch hier alles quietschbunt und romantisch.
Glaubt man wirklich, sich zu emanzipieren, wenn man sich zum Spielzeug des Pop machen lässt? Ich wage nicht zu ahnen, wie jüngere deutsche Geschichte demnächst verfilmt wird. “Babylon” setzte die Endzwanziger schon in einige schiefe Bilder. Nur war der Polizeichef noch kein Schwarzer oder eine Frau. Wäre er es, wäre es, meine ich, eher eine Beleidigung für die Opfer rassistischer und patriarchalischer Unterdrückung jener Jahre als eine löbliche Quotierung.
Oder schlicht Geschichtsfälschung.
Ja, wenn’s weiter nichts ist, sagt die Unterhaltung.
Wir zeigen die Vergangenheit jetzt lieber, was man sie sehen will, und nicht, wie sie war.
Wie immer zu Herrschaftszwecken, nur ist es diesmal die Quotenhoheit.
Blinde Buntheit.
Nein, ich will keinen Elfenreigen an der Wand.

Freitag, 19. Februar 2021

Albtraumfreie Fabrik

Wie lange sie das wohl durchhalten?
Neue Filme und TV-Serien erzählen weiter unverdrossen ihre Geschichten ohne Atemschutzmasken.
Es ist, als ob man für die Ewigkeit drehen will, und in der hat die Pandemie nur episodischen Charakter.
Denkt man.
Die Dreharbeiten, liest man, sind kompliziert geworden. Abstände, Tests. Aber das nimmt man alles auf sich, um die Geschichten in, wie ich das nenne, erinnerter Normalität zu zeigen.
Es gibt Produktionen, die Corona thematisieren, aber die, die es nicht zum Thema haben, blenden es ganz weg.
Sogar so Sachen wie “Bares für Rares” erwähnen Corona mit keiner Silbe. Halten Abstände, aber reden so angestrengt nicht darüber, dass es auffällt.
Es ist, als wolle man diesmal mit dem Verdrängen der Erinnerung schon in der Gegenwart anfangen.

Mittwoch, 17. Februar 2021

umdeutlich - neue alte Worte (13)

Höchstnähe
(Gegenvorschlag zu "Mindestabstand")
analog:
Umgebungsschutz (statt "Mund-Nasen-Schutz")

Dienstag, 16. Februar 2021

Heimliche Entschuldigung der dritten Art

Es wird heute zu Recht immer spätestens sofort Beschwerde wegen Diskriminierung eingelegt.
Oder gleich ein lustiger Shitstorm entfacht, gegen welche die Diskriminierung selbst dann oft nur als kleines Windchen übrig bleibt.
Es gibt aber eine Bevölkerungsgruppe, die seit Jahrzehnten systematisch und extrem diskriminiert wird und dies offenbar mit einer Geduld erträgt, aus der nur zwingend geschlossen werden muss, dass sie völlig zu Unrecht vor allem in Kino-Filmen als gewalttätig und primitiv dargestellt wird.
Denn diese Gruppe entfacht (bis jetzt) keinerlei Shitstorm, ja, reagiert überhaupt nicht, höchstens mit Kontaktverweigerung.
Es handelt sich um die vielen, vielen außerirdischen intelligenten Wesen allein in diesem Universum. Von denen die Statistik sagt, dass es sehr viele von ihnen gibt, geben muss ganz einfach, wenn wir nicht völlig arrogant sein wollen, während gleichzeitig der so genannte gesunde Menschenverstand jeden für bekloppt erklärt, die ihre Existenz tatsächlich für möglich hält.
(Was übrigens auch wieder eine Diskriminierung ist, die Diskriminierung von Menschen, die etwas für möglich halten. Was auch immer.)
Ich meinerseits neige zur Anerkennung der Statistik und der Logik und möchte mich schon mal auf diesem Wege, der wahrscheinlich gar keiner ist, im Namen des ganzen Menschenkollektivs für all die hässliche Darstellung von Aliens in Spielfilmen entschuldigen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Darstellungen nicht oder wenigstens zu 99 Prozent nicht der Realität entsprechen und daher beleidigend wirken müssen. Es sei denn, wesentlich ältere Zivilisationen haben das Beleidigtsein überwunden - eine Utopie, von der wir hier auf der Erde nur heimlich träumen können.
Es handelt sich bei den Filmen ja auch nicht wirklich um anklagende Vorwürfe dagegen etwa, dass Sie, verehrte MitbewohnerInnen des Universums, beispielsweise einen Bannstrahl auf Wolkenkratzer fahren lassen, die daraufin brennend einstürzen. Das ist ja noch nie geschehen. Und gerade deshalb Diskriminierung, es so zu zeigen. Selbst, dass Sie als graue, großäugige Kidnapper dargestellt werden, ist nur eine der vielen mageren Ideen hiesiger Drehbuchautoren, um Unterhaltung herzustellen.
Diskriminierung als Unterhaltung, ja, das gibt es. Natürlich geht das unbekümmerte Publikum davon aus, dass es Sie gar nicht gibt, sonst müssten sie ja gegen Sie protestieren, verlangen, dass Sie zur Rechenschaft gezogen werden undsoweiter.
Ganz, ganz übel beleidigend ist natürlich die Annahme, Sie würden Ihre High-Tech-Raumschiffe in Gestalt sabbernder Echsen mit primitivsten Tischsitten lenken. Selbst wir Menschen, die wir es bislang mit Ach und Krach zum Mond geschafft haben, sind nicht so primitiv, dass wir Wesen, von denen wir uns ernähren, lebendig den Kopf abreißen oder mit irgendwas in die Eingeweise bohren. Wir haben Tierwohl-Labels und schweißen das meiste ein, bevor es zum Verzehr in Frage kommt. Ich gehe zwingend davon aus, dass intelligente Wesen, die Sternendistanzen überwinden, mindestens von Tellern essen und Besteck nehmen und vielleicht sogar Vegetarier sind.
Ich möchte nicht wissen, was hier los wäre, wenn man Frauen als Lindwürmer darstellte, die menschliche Raumstationen leerfuttern. Ein all zu berechtigter Aufschrei würde sich erheben, erst Recht, wenn Farbige Projektionsfläche solch hässlicher Phantasie würden! Und Sie stellt man in allen möglichen Farben negativ dar, mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen, in welchen sie aber auch nicht als intelligente Nachbarn erscheinen dürfen, die Sie sein müssen, wenn Sie zu uns gelangen können, sondern bestenfalls als eine Art Weihnachtsengel auf schweigender Durchreise oder, wie in "Star Wars" höchstens als brauchbare Gehilfen der Menschen.
Aber in den allermeisten meist sind Sie die Monster, die einzig verbliebenen hassbaren Wesen.
Dafür schäme ich mich als Mensch, und das wollte ich nur mal gesagt haben.
Angenehme Weiterreise.

Tante Polizei

Die Polizei wirkt, wie man so sieht, zunehmend wie eine Nanny im Kinderzimmer.
Sie muss Corona-Partys auflösen und mit Hubschraubern die Leute vom Eis scheuchen.
Seit längerem schon ist sie außerdem damit beschäftigt, Raser auszubremsen.
Sie jagt immer seltener die Bösen, sondern bewahrt die Naiven vor sich selber.
Eine Art uniformierte Mary Poppins für Lernschwache.
Bis auf die Bußgelder.
Die sind richtig schwarze Pädagogik. Aber schonen vielleicht ein wenig die Steuern der Braven.
Nun muss nur noch das mediale Bild der Polizei dem neuen Trend angepasst werden. Die "Tatort"-Reihe dürfte künftig weniger von diesen ohnehin längst bis ins Absurde gesteigerten Tötungsdelikten handeln als von kickfreudigen S-Bahn-Surfern oder Mountain-Bike-Challenges von der Zugspitze.
Das Polizeileben wird auch leichter: man braucht nicht erst lange zu fahnden. Man sieht immer gleich, wer's war.
Während sich der Übeltäter von einst versteckte und die Spuren verwischte, zeigt sich der heutige gern, sogar mit Selfie.
Spaß ist das neue Böse.

Montag, 15. Februar 2021

Kein Vormund im Mund

Auf keinen Fall, unter gar keinen Umständen, niemals wechsele ich beim Zähneputzen die Zahnreihe dann, wenn der Piepton aus der elektrischen Zahnbürste genau dieses befiehlt.
Die kleine Revolte kurz vor dem Schlafengehen.

Karneval von unten

Den zeitlebens stimmungsvollsten Eindruck zum heutigen Rosenmontag erzappte ich einmal bei einem rheinisch-regionalen Fernsehkanal, den mir die Telekom ins Senderpaket spie, weil sie ihn nun mal da hatte.
Dort sah ich eines Vormittages in voller Länge eine Fahrt mit der Kölner U-Bahn, gefilmt aus dem Führerstand, und hörte dazu jedoch stark kontrastierende Karnevals-Schunkel-Schlager.
Man fühlte sich spontan in eine besonders anspruchsvolle Berlinale-Sektion versetzt.
Vor Augen den finsteren, öligen Tunnel mit von schwarzen Spinnweben verhangenen Kabelbäumen und in den Ohren das quietsch-bunt-hallige Schingdarassabum von Übertage mit Gejohle und Alaf.
Oben? Unten? Man wusste nicht zu entscheiden, wo man jetzt lieber nicht wäre.
Die Aufnahmen waren wohl außerhalb der Karnevalssaison entstanden, denn bei Stationseinfahrten sah man die üblichen Sauertöpfe, die wir Deutschen auf jedem Bahnhof abgeben.
Immerhin zeigte die zugespielte Musik, zu welch Extasen Menschen dort wohl fähig sind. Warum allerdings und noch dazu kalendarisch streng fixiert, erschloss sich leider auch nicht bei dieser nahverkehrstechnischen Darmspiegelung einer Karnevalshochburg.

Sonntag, 14. Februar 2021

Vom Anstieg der Verflachung

Die Menschheit stellt sich den Gefahren.
Aber nicht allen.
Seltsamerweise bleiben bestimmte existenzielle Bedrohungen nahezu unbeachtet. Im Falle etwa der Überbevölkerung erklärt sich das Nichtstun aus der Ohnmacht und der naiven Freude der meisten Menschen an Fortpflanzung.
Im Falle aber  der festgestellten sinkenden Intelligenz der Menschen (nachdem es im 20. Jahrhundert zunächst einen Anstieg gegeben hatte) kann sich die Ignoranz nur aus dem Phänomen selbst erklären.
Schon wieder vier Jahre her, dachte ich, als ich mich (mal wieder) an die arte-Doku “Verlieren wir den Verstand?” erinnerte. Das Fragezeichen war schon damals überflüssig.
Das Sinken des IQ hat, so sieht es wohl aus, sehr wahrscheinlich mit so genannten Umwelthormonen zu tun, ein Unwort, denn man kann die Umwelthormone ebenso Schmutz nennen oder Produktionsrückstand, der etwa in Textilien steckt oder Plastik und dem menschlichen Körper beispielsweise erfolgreich Jod vorgaukelt, obwohl dieser längst Chlor oder Brom an seiner Stelle verbaut hat. Gehört der menschliche Körper einer werdenden Mutter, wird deren Kind dann eben dümmer als die Eltern und öfter auch autistisch.
(Diese Darstellung mündet in der naiven Schlussfolgerung, man müsse einfach mehr Jod zu sich nehmen. Nur kommt dieses Jod einfach zu spät und kriegt vom Körper nur ein "Danke, wir hatten schon" zur Antwort.)
Na, das wird einschlagen, das Thema, dachte ich damals, bis hoch zu einem Weltdummheitsgipfel mit einem formulierten globalen Ziel, die Verdummung bis 2100 nicht unter Schimpansenniveau sinken zu lassen.
Aber nein. Nichts geschah.
Der IQ-Downfall scheint eher willkommen zu sein: Werbestrategen, Fernsehformatentwicklern, Filmstudios, Komponisten immer trivialerer Popmusik, und natürlich Populisten.
Letzteren sichert er die Herrschaft, ersteren das Publikum.
Beiden Gruppen erleichtert er die Mühe, Menschen zufrieden zu stellen. Enorme Energieeinsparungen.
Irgendwann wird man Brom empfehlen.
Immer, wenn ich was Blödes im TV und Blödiane an der Macht sehe, denke ich “Umwelthormon”.
Vielleicht ist das auch nicht sehr intelligent, denn es macht depressiv.
Gibt es dagegen nicht auch was in der so genannten Umwelt?

Donnerstag, 11. Februar 2021

Ganz kleine parlamentarische Anfrage

Habe ich was verpasst? Es wäre ja nicht das erste Mal. Aber ich fürchte, ich habe nichts verpasst:
Hat es überhaupt mal einen Gesetzantrag der Opposition auf die so oft vermisste Beteiligung des Parlaments an Hygienevorschriften gegeben?
Oder hat man letztlich eher doch keinen Bock, Unbeliebtes zu verantworten und ist froh, dass man nur ab und zu herumnörgeln muss?
Möglicherweise scheut man vor einklagenden Gruppenanträgen zurück, weil man dafür wahrscheinlich gemeinsame Sache mit AfD-Abgeordneten machen müsste, die mit ihrem Querdenkerbestand auch so schon genug für die Corona-Ausbreitung getan haben.
Noch rätselhafter als das Verlangen nach Beteiligung ohne Versuch, diese gesetzlich zu erzwingen, ist die regelmäßig aus verschiedenen Richtungen verlautbarte Forderung nach einem "klaren Zeitplan" der Öffnungen. Eben noch hat der Experte mühevoll den Erstklässlern im Lehrfach "Epidemologie" zu erklären versucht, dass wir noch nicht genau wissen können, welche Rolle Virus-Mutationen in den nächsten Wochen spielen, da wird ein Genau-Wissen-Wollen verlangt.
Die Unberechenbarkeit des Virus wird aus Ohnmacht vor dem Virus zur Unberechenbarkeit der Regierung umgewidmet.
Schon deshalb sehne ich eine umfassende Impfung herbei, damit im Abklingen der Pandemie auch diese haarsträubende Kurzsichtigkeit, wenn nicht aufhört, so doch bis zum nächsten Mal gnädig verstummt.

Resignierstunde

Dass ich vor Jahren mal versucht habe, per self publishing Bücher zu verkaufen, hatte ich fast schon ebenso vergessen wie die Welt meine Bücher. Plötzlich jedoch merkte ich, dass Amazon mein "Author Central"-Profil immer noch öffentlich herzeigt. Meine kurze Bitte um Löschung desselben wurde heute morgen wie folgt beschieden:
"Sie haben uns mitgeteilt, dass Sie Ihre Autorenseite löschen möchten. Damit Kunden leichter nach ihren Lieblingsautoren suchen und neue entdecken können, werden Autorenseiten jedoch nicht entfernt."
Okay, dachte ich, Strafe muss sein für den Hochmut des self publishing, aber auf ewig?
Die mir schrieb, unterzeichnete als Regina, ein Name, der, wie wir alle wissen, sich nicht umsonst mit "die Herrschende" übersetzen lässt. But no jokes with names, author!
Mit der von Amazon offenbar erzwungenen potentiellen Berühmtheit gab ich mich nicht zufrieden und kabelte heute morgen per Rückmail an Regina:
"Ich möchte eben kein gesuchter Lieblingsautor mehr sein... Das ist aber offenbar nicht erlaubt."
Irgendwie hatte ich zu denken gegeben, denn am Vormittag trafen dann noch diese Zeilen ein:
"Bei der Planung weiterer Verbesserungen werden wir Ihr Feedback berücksichtigen. Rückmeldungen wie Ihre sind für uns sehr nützlich, um unser Angebot für Autoren und Verlage zu verbessern.
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns Ihren Vorschlag mitzuteilen.
Vielen Dank, dass Sie Amazon Author Central nutzen."
Eine nette Botschaft, wäre die letzte Zeile nicht dran.
Und so nutze ich weiter etwas, das nur schaden kann, weil jeder auf den ersten Blick sieht, dass dieser Lieblingsautor kein Lieblingsautor ist und dass der Ärmste es offenbar nicht geschafft hat, einen "richtigen" Verlag zu finden.
Er ist ein ungelöschter Erloschener.
Ja, nicht einmal ein selbstbestimmter Mensch.
Jetzt kann er nur noch auf die "Planung weiterer Verbesserungen" hoffen.
Nicht immer münden nur leider Planungen von Verbesserungen auch wirklich in Verbesserungen.
Ach, wäre man doch naiv wie einst!

Dienstag, 9. Februar 2021

Tagestränen

Zwischen “Tagesthemen” und “heute-journal” ist in immer unheimlicherer Weise ein Überbietungswettbewerb in griechischer Tragödie im Gange. Wurden Claus Kleber oder Maren Miosga mal beim Burgtheater abgelehnt und suchen jetzt in unschuldigen Neugierigen ihr Publikum?
Mit bebender Stimme werden noch die simpelsten Neuigkeiten homerisch deklamiert. Statt “Es schneit viel” heißt es dann in etwa: “Schnee kennen wir alle. Und wenn nur ein paar Zentimeter fallen, ist alles in Ordnung. Aber es gibt auch den anderen Schnee: den, der nicht aufhört zu fallen, und dann will man nur noch, dass es aufhört. Aber es hört nicht auf…” Undsoweiter undsofort, und es will wirklich nicht aufhören.
Das Gesicht dazu lässt in jedem Fall vermuten, dass Berufserfahrungen als Grabredner Einstellungsvoraussetzung für Nachrichtenmagazine sind.
Natürlich ist Vieles tragisch in der Welt. Aber das muss man nicht selbstverliebt spielen, das sieht man doch! Als wären wir Geschöpfe vor dem Fernseher im Lockdown vollends begriffsstutzig geworden.
Oder haben nach zu viel simulierter Lustigkeit zuvor ein dringendes Bedürfnis nach Ausgleich.
Diese Sauertöpfigkeit täglich gegen Zehn ist anscheinend auch etwas Deutsches, denn bei CNN, BBC oder France24 entfaltet sich keinerlei solch lyrischer Tranigkeit. (Dafür werden die ModeratorInnen in US-Nachrichtenkanälen seit Jahren immer lauter. Irgendwann wird man sie bei Stromausfall an der europäischen Atlantikküste auch so hören können.)
Vielleicht sind sie da draußen einfach nur deshalb in Krisenlagen so viel schneller als das deutsche Fernsehen, weil sie nicht erst einen Shakespeare-Monolog dichten müssen, bevor sie auf Sendung gehen.

Montag, 8. Februar 2021

Der pandemische Murmeltiertagseffekt...

...stört immer empfindlicher die Zeitwahrnehmung.
Mangels Erlebnissen ähneln sich die Tage immer mehr.
Der Supermarktbesuch hat sich durch seine Alleinstellung längst zum Mega-Event der Woche hochgejazzt.
Umso wertvoller dieser Wintereinbruch!
Durch den Wegfall von Konzerten, Restaurantbesuchen, Reisen oder Feiern waren die Tagesabläufe so abwechslungsarm geworden, dass es einen Polarwirbel brauchte, um das Einerlei aufzumischen.
Meinte man nicht schon wieder, gerade eben erst die Kaffeemaschine angeworfen oder die Nachttischlampe ausgeknipst zu haben?
Den wievielten Abend saß die gleiche Runde in der Talkshow zusammen und palaverte über Auf-und zumachen?
Aber das Schneeschieben ist jetzt neu.
Wenigstens mal eine andere Katastrophe, wenn auch nur zusätzlich.
Vielleicht kommt in der Talkshow jetzt öfter auch mal der Bahnchef mit seinem Lok-Down.
Die tägliche Koinzidenzzahl, ohne die man gar nicht einschlafen kann, wird um die Schneehöhe ergänzt.
Bis es einfach taut, denn Schneeflocken sind keine Viren.
Sonst würden sie auch zu lange bleiben und selbst in maßlosen Verwehungen langweilen.

Samstag, 6. Februar 2021

Irgendwas mit Medien -3-: Schnee

Ein harter Wintereinbruch geht auch immer mit sprachlichen Verwehungen einher.
Als erstes kommt immer das falsche Versprechen, irgendeine Region würde “im Schnee versinken”. Das ist physikalisch natürlich kompliziert, denn sie ist nur von Schnee bedeckt und die Gebäude haben ein Fundament, das sie nur wenig in die Tiefe gleiten lässt Das Versinken markiert aber kraftvoll etwas, das Medien gern in Verbindung mit Katastrophen zelebrieren: die Verkündigung der menschlichen Ohnmacht. Wer versinkt, kann ein bisschen strampeln, mehr aber nicht. Menschen, das hat mir schon an der Uni mein Psychologie-Dozent beigebracht, lassen sich vor allem durch das Wachrufen zweier Emotionen erregen: Hoffnung und Verzweiflung. Das Versinken bedient diesen Mechanismus.
Zum Ohnmachtsbekenntnis gehört auch die inflationäre Verwendung des Wortes “Chaos”. Bei den alten Griechen, bei denen es selten geschneit hat, war das Chaos zunächst ein leerer Raum. Bei Hesiod ist es der Urzustand der Welt. Die hebräische Bibel bevorzugt den Begriff “Tohuwabohu”, der auch gern mal in Verbindung mit der Deutschen Bahn gebracht wird. Allerdings sind Zugausfälle und Verspätungen nur schlappe Vorübungen zum Chaos oder Tohuwabohu - dazu müssten sich die Züge wenigstens kreuz und quer übereinander geworfen haben, Räder nach oben, mindestens.
Die Übertreibung ist die Mutter der Einschaltquote. Deswegen muss es bei der “Welt” “das größte Schneechaos seit Jahren” sein. Was ist eigentlich der hier vorausgesetzte Plural von “Chaos”? Chaotische Sprachverwirrung!
Selbst der gerade extrem oft verwendete Begriff “extrem” scheint für maximal minus 15 Grad doch leicht übertrieben, jedenfalls aus der Sicht der Bewohner Nordsibierens, wo sie bei minus 40 Grad noch zur Schule gehen, längst versunken im Schnee.
Der “Focus” dichtet im Libretto-Stil eines Richard Wagner “Wetter-Wahnsinn”. Konsequent fortgeführt könnte da stehen: “Wogen weißen Winters wallen westwärts, wehe, wehe, Wagen und Weichen!”
Möge es so schlimm nicht kommen, wie es in der Zeitung steht!

Freitag, 5. Februar 2021

Cookies und Ethik(rat)

Die Verwirrung, aus der sich bei mir immer Neugier speist, begann mit dem seltsamen Verweis des Ethikrates in der Frage nach den Rechten der Geimpften.
Es gab, wie vielfach bestaunt, keine ethische, sondern eine epidemologische Antwort. Wozu, dachte ich, dann jetzt schon das Einberufen des Hohen Rates?
Könnte es sein, flüsterte mir ein Dämon ein, dass der Ethikrat nicht recht weiß, was eine ethische Frage ist?
Ein Besuch auf der Homepage entkräftet diesen Verdacht leider nicht so recht.
Denn auch dort, im Tempel der sittlichen Reinheit, will man erst einmal Cookies auf meinem Rechner hinterlassen.
Mein Blog, gestehe ich sofort, tut dies auch, aber nur, weil ich es nicht abstellen kann. Das ist ein Unterschied.
Wenn ich wüsste, wie's geht - ich täte es sofort, umgehend, freudig, auf der Stelle! Aber ich darf nicht, weil diese Möglichkeit hier, meine Meinung frei zu äußern, Google gehört.
Mein Wort ist frei, aber nicht das Unsichtbare.
Dumm gelaufen.
Für mich und leider auch das Publikum. (Trost mag nur spenden, dass sich die Datensammelwut auf jeder Zeitungs-Homepage noch weit heftiger austobt als auf diesem bescheidenen Acker eines elenden Freizeit-Skribenten.)  
Ich bin also, zugegeben, ethisch fragwürdig. 
Erzwungen bedenklich.
Der Deutsche Ethikrat aber ist in einer viel komfortableren Situation. Er hat eine bezahlte Homepage und kann damit tun und lassen, was er will.
Und doch will er in meinen Rechner und sagt auch gern, was er da drin so treibt, der liebe Ethikrat.
Nur kann mir irgendjemand erklären, wozu eine Einrichtung, die per definitionem “das sittliche Verhalten des Menschen zum Gegenstand hat”, wissen muss, welchen Browser und welches Betriebssystem ich wann und von wo kommend (!) verwende? Das geht doch niemanden etwas an! Nicht einmal mich!
(Ich hätte mich vielleicht nur halb so echauffiert, wenn ich nicht zuvor auf der Homepage vorgeheizt worden wäre, durch einen Button mit der Beschriftung “Warenkorb”, in welchen man die ethische Empfehlung dort tun kann. Darauf käme ich nicht mal als Satiriker: Ethik als Ware!)
Freilich, man kann sich auch bei den Ethikhütern durchklicken zu einer Cookie-Deaktivierung, weil man ja an chronischem Zeitüberfluss leidet.
Sie verwenden, heißt es weiter, auch Matomo. Wikipedia: “Gibt dem einzelnen Besuch (Session) eine ID, um den Klickpfad aufzeichnen zu können.”
Jetzt bin ich richtig auf ethischem Kriegspfad. Obwohl, denke ich, eher bloß auf dem Laufsteg.
Das Tool biete “genaue Analysen...des Nutzerverhaltens”. Und als Google-Sklave staune ich einmal mehr: “Während Google Analytics auf maximal zehn Millionen Aktionen pro Monat limitiert ist, werden bei Matomo für die Auswertung alle Daten herangezogen.” Wenn schon, denn schon.
Ich gebe gern meine Daten für eine Corona-App, für eine Gesundheits-Card, die bei einem Unfall schnelles Handeln ermöglicht. Wenn man mir erklärt, welche Daten man will und wofür man sie verwendet, und ich das einsehe, ist alles gut. Ich habe auch beispielsweise überhaupt nichts gegen Videoüberwachung auf Bahnhöfen, weil ich mich damit sicherer fühle. 
Aber mir fällt kein einziger Grund ein, wozu ein Ethikrat die Daten meines Homepage-Besuches benötigt.

Mittwoch, 3. Februar 2021

Die Freiheit und der Tod - ein ewiges Missverständnis

Zum Glück, kann ich nur sagen, werde ich nicht von Intellektuellen regiert.
Von Heribert Prantl zum Beispiel, der sich in der "Berliner Zeitung" große Sorgen um die Grundrechte macht und wenige um Leben und Tod.
Im Verbund mit einem gedanklich vorauseilenden Interviewer wird dort der Eindruck geschaffen und zugleich beweint, dass die Pandemiebekämpfung in Deutschland die Grundrechte aushöhle. Diese würden unter Duldung des Parlaments per Verordnung "auf- und zugedreht".
Meines Wissens und Googelns bin ich wohl langsam der Einzige hienieden, der unverdrossen darauf hinweist, dass unser Grundgesetz ausdrücklich "zur Bekämpfung von Seuchengefahr" das Auf-und Zudrehen der Grundrechte auf Zeit billigt (Artikel 11 und 13). "Das Grundgesetz steht nicht unter Pandemievorbehalt.", sagt hingegen der defender of human rights. Er hat es also wirklich nicht gelesen! Gelernt habe er, der Herr Prantl, dass "derjenige, der die Grundrechte verteidigt, sich wappnen muss". Mit dem Lesen der Verfassung sollte man anfangen und sich vorarbeiten zur eigenen Botschaft.
Man würde die Grundrechte opfern, heißt es im Interview, um "vermeintlich der Pandemie Herr zu werden".
Allerdings ist gerade zu erkennen, dass wir durch den Lockdown tatsächlich der Pandemie Herr werden. Zu spät, das Interview zurückzurufen. Wie würde Herr Prantl über die Grundrechte denken, wenn er hechelnd im Krankenwagen-Konvoi vor einem Lissaboner Krankenhaus wartet? Freudig sterben, Höherem geopfert?
In Fernost würde die Pandemie mit "Big-Brother-Methoden" bekämpft, höhnt der Interviewte. Ich schaue auf meine Corona-Warn-App und weiß, dass ich von der nicht viel erfahren kann, von wegen Datenschutz. Singapur erfasst rigoros Kontaktdaten und hatte gestern 19 Neuinfektionen und keinen Toten. Berlin, in etwa gleich groß, hat pro Tag derzeit um 350 Neuinfektionen und 30 Tote. In Singapur könnte ich heute shoppen gehen und in Restaurants - ach nein, ich würde ja unter der Big-Brother-Knute leiden. Und auch die Schulen sind dort geöffnet, die der Herr Prantl auch als Grundrecht verstanden wissen will. Da er eine rigorose Pandemiebekämpfung aber als unzumutbar zurückweist, bleibt es sein Geheimnis, wie man seine Grundrechte verwirklichen kann.
Prantl vergleicht dann die Hygienemaßnahmen mit der Antiterrorbekämpfung und dass diesbezügliche Eingriffe bis heute nicht aufgehoben wären.
Ist denn der Terrorismus verschwunden?
Vom Sars-Cov-2-Virus hoffe ich ein Verschwinden doch demnächst zu erleben.
Wenn es Intellektuelle nicht doch noch verhindern.