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Mittwoch, 31. März 2021

Wortwechsel

Liebes Astra-Zeneca-Team,
ich verstehe Ihr Image-Problem.
Eigentlich müssten dieses beispielsweise auch Airlines haben, wenn man die Thrombosefälle bei Langstreckenflügen gegenrechnet. Aber für das Vergnügen nehmen die Menschen weit unbekümmerter Risiken auf sich.
Eine Namensänderung ist natürlich schon mal gut.
Allerdings setzen Sie mit "Vaxzevria” nicht unbedingt auf Akzeptanz in der Zielgruppe der Legastheniker. Wer war eigentlich die Heilige Vaxzevria? Der Name klingt ja eher nach den Damen, die mich andauernd bei Facebook kennenlernen wollen. Aufklärung!
Oder spekulieren Sie, dass Ihre Kritiker das Wortungetüm nicht über die Lippen bekommen und Sie deshalb aus der Schusslinie der Kritik kommen? Das Synonym “dieser Impfstoff mit dem komischen Namen” läuft ja auf Dauer sicher nicht. Oder aber setzen Sie auf den Prince-Effekt mit Kultstatus: “The vaccine former known as Astra Zenica”?
Sprachregelungen folgen Medien gern penibel, weil sie die Aura der Sorgfalt und Achtsamkeit wahren wollen. Aber Zungen scheitern immer öfter an den Zahnspangen der Korrektheit.
Noch belastender für das Firmen-Image ist es sicher, mit dem Impfstoff fortan als Rentner-Elixier abgestempelt zu sein. Kein Produkt will nur 60+ als Kundschaft. In der Werbung kann man die 60+-Modelle freilich wie 50+ aussehen und wie 10+ sprechen lassen.
Aber mit der Karriere als "heißer Scheiß", der international verschoben wird wie Kokain, ist es aus.
Und neue Namen können wir von 60+ uns sowieso noch schwerer merken als die Jüngeren.
Im hiesigen Ballungsraum Berlin/Brandenburg prophezeie ich deshalb eine Karriere als “det Korona-Zeuch für die Ollen”.
Immer noch besser als “Vaxzevria”.

Dienstag, 30. März 2021

Datenloses Zusehen

Grundsätzlich sind die meisten Menschen auf hemmungslos exhibitionistische Weise auskunftsfreudig.
Was wollte ihr wissen? Los, macht schon!
Wo ich gerade bin? Wo ich vorher war? Wohin ich sonst gern gehen? Was das für ein Gerät ist auf meinem Schreibtisch?
Wenn diesen Fragen der niedliche Satz “Ihr Datenschutz ist uns wichtig!” vorangestellt ist, geben die Meisten oft und gerne Auskunft, indem sie die gottverfluchte Cookie-Frage bejahend wegklicken.
Cookies - Kekse, wie süß.
Nur wenn der Staat fragen will, werden sie schmallippig.
Komisch, der will mir doch gar nichts verkaufen.
Der handelt doch gar nicht mit meinen Daten.
An mir wird doch gar nichts verdient. Da muss was faul sein.
Null Keks dem Staat!
Das traditionelle und über Epochen berechtigte Misstrauensverhältnis ist ein hochgestörtes, was jetzt schadet. Der Staat muss sich momentan so deutlich wie lange nicht als Ausdruck der Gemeinschaft bewähren, die gemeinsam ein verhängnisvolles Virus bekämpft. Stattdessen sieht sich der Bürger keinem Bündnispartner zur Seite, sondern der ewigen Obrigkeit gegenübergestellt.
Eiertanz um den Datenschutz, Ausspähen des “Erlaubten”, als würde eine Seuche Geschenke machen, die der böse Staat verweigern will.
Wenn es Daten gibt, die dringend und umfassend gespeichert und ausgetauscht gehören, sind es Gesundheitsdaten. Doch nach jeder Überweisung geht es bei der Befragung von vorne los. "Wird hier gar nicht kommuniziert?", fragt man sich. Da lachen ja die Cookie-Dealer.
Pandemie ist ein Hochfest des Konjunktivs.
Was wäre, wenn wir hätten.
Eine konsequente Kontaktverfolgungs-App.
Doch daraus kann nichts werden, solange kein Vertrauen da ist.
Verfolgungswahn steht gegen Verfolgungsbedarf.
Das Rennen ist beängstigend offen.

Sonntag, 28. März 2021

Last call to hell

Die Aussicht, dass durch zunehmende Impfstoffmengen die Corona-Pandemie im Sommer vorbei sein könnte, hat allerlei hektische Aktivitäten ausgelöst, um das sich abzeichnende Ende in letzter Minute noch abwenden zu können.
Tausende Urlauber strömen auf eine spanische Insel, um gemeinsam mit den Einheimischen und anderen Gästen vielleicht doch noch rechtzeitig die so genannte Mallorca-Mutation hinzubekommen, die an Ansteckung, Tödlichkeit und vielleicht sogar Impfstoffresistenz die bisherigen übetreffen kann.
Eure Inzidenzien, die Bischöfe der Kirchen, rufen zu Präsenzgottesdiensten, um Gott die Geißel nicht voreilig aus der Hand zu schlagen.
Feiern wir Ostern nicht die Auferstehung? (Frage für ein Virus).
Wer will schon die lieb gewonnenen Masken fallen lassen und wieder aussehen, wie er aussieht? Wie den drohenden wieder ausufernden Familienfeiern ausweichen? Wie dem alten, fast schon vergessenen Einkaufsstress zu Weihnachten?
Die Arbeitswelt wird für Viele rauher, denn bald heißt es Durcharbeiten im Büro und Durchschlagen durch nervigen Pendelverkehr.
Und Klopapierreserven verrotten sinnlos im Schuppen.
Wie schließlich soll künftig freier Bürgersinn gelebt werden, wenn die Regierung alles wieder erlaubt? Wer quer denkt, will nicht vorwärts.
Deutsche haben auch keine Lust, Partner der Regierung zu sein. Das "Die da oben!" könnte Schaden nehmen.
Und am Ende stehen noch teure Intensivbetten unbelegt herum.
Die Lage war nie so unverzweifelt wie jetzt: selbst Impfszenarien, die verschlafenste Politiker einberechnen, denen man auch noch die Provision aus den Händen schlägt, sagen eine mögliche Durchimpfung bis zum Sommer voraus.
Dann wäre es aus und vorbei.
Es muss schnell und unbedacht gehandelt werden.

Donnerstag, 25. März 2021

Der Fluch des Unwortes "Lockerung"

Schon einmal hatte ich vor dem untauglichen Begriff der "Lockerung" gewarnt, aber als Kassandra von Wildenbruch ist das Unerhörtsein mein Schicksal.
Wenn nicht falsches Wortverständnis zu falschen Entscheidungen führen würde.
(Was Macht und Ohnmacht von Worten zeigt.)
Das Wort "Lockerung" suggeriert eben leider, dass man die Zügel im Kampf loser hielte. Aber, beispielsweise, ist ein Konzert vor tagesaktuell negativ Getesteten eben keine Lockerung, sondern anhaltend konsequente Hygiene, ebenso wie das kontaktlose Beziehen einer Ferienwohnung.
(Letzteres würde sogar die Begegnungsdichte in den Städten verringern, den sozialen Abstand vergößern, müsste also eher gefördert werden.)
Freiheitsräume, die keine Infektionsgefahr darstellen, darf man nicht als Lockerungen geradezu verleumden.
Auch das Geimpfte Hotelbetten buchen, ist, weil null Hygieneverlust, keine "Lockerung", sondern ein infektionsneutraler Vorgang und eine Unterstützung der Gastronomie und Hotellerie.
Die echten Lockerungen sehe ich täglich, wenn mir Supermarkt-Kunden auf die Pelle rücken oder ich Gruppen maskenlos an der Schule rumhängen sehe.
Wo das Hirn locker sitzt, hüpft das Virus.
Wahrscheinlich werden auch aus Furcht vor Lockerungen die Impfpläne nicht gelockert, selbst, wenn ungenutzte Dosen herumliegen.
Wir sollten uns begrifflich lockern.

Dienstag, 23. März 2021

Nachdenken über Schmutz

Dass man, ganztags zuhause, viel Zeit für sinnvolle Dinge hat, ist eine späte Illusion.
Die Hälfte des verbleibenden Lebens scheine ich dem Kampf gegen den Schmutz im Haus opfern zu müssen.
Der Schmutz war früher natürlich auch da, aber ich nicht zuhause.
Wir gingen uns besser aus dem Weg.
Jetzt scheine ich ihn durch meine Anwesenheit und noch mehr durch meinen Wunsch nach Sauberkeit zu stören.
Natürlich könnte ich lernen, ihn zu tolerieren, was aber die Toleranz Anderer mir gegenüber beeinträchtigen könnte. Der lässt sich gehen, könnte es heißen. (Was überhaupt ein seltsamer Vorwurf ist, weil es trauriger wäre, wenn man sich nirgendwohin gehen ließe.)
Natürlich sagt niemand solche Vorwürfe, weil wegen der Pandemie kein Besuch kommt.
Und doch will man das Haus vorzeigbar halten.
Eine der vielen paradoxen, aber stützenden Normalitätssimulationen.
*
Ich weiß, dass aus der Perspektive des Schmutzes womöglich ich der Schmutz bin.
Es ist eine Kultur vorstellbar, in welcher glatte, reine Oberflächen als abstoßend empfunden und mit Puderstreuern eingestaubt werden.
Auch das kostete Zeit.
Insofern gibt es keinen Anlass, jene Kultur zu beneiden. Vielleicht hat sie auf der Erde schon einmal bestanden und ist untergegangen, weil sich im Schmutz zu viele Krankheitskeime ausbreiten konnten.
*
Beim Putzenmüssen, genauer der Versuchung, es zu lassen, ist auch eine Angst vor dem eigenen kulturellen Absturz im Spiel, wie wenn Geschiedene plötzlich die Wurst direkt vom Folienblatt der Verpackung essen und über sich erschrecken. Schamhaft holen sie sogleich und fortan einen Teller, auch, um sich tauglich zu halten für eine neue zwischenmenschliche Beziehung.
Dies ist zum Glück nicht mein Propblem. Höchstens, dass nicht wirklich sichtbar ist für den Anderen, was ich leiste. Nur eine weitere der Heimtücken des Schmutzes, denen stoisch zu trotzen ist.
*
Dass der Schmutz nicht nur tendenziell mehr, sondern auch selbst immer schmutziger wird, bestätigt jede(r), den/die die ich darauf anspreche. Der Schmutz setzt sich übereinstimmenden Beobachtungen zufolge neuerdings sofort nach beispielsweise feuchtem Aufwischen unmittelbar erneut ab, was eine abendliche Fingerstreichprobe bestätigt, die in früheren Zeiten länger negativ ausfiel.
Die übliche Verklärung (=Verschmutzung) der Vergangenheit?
(Ich erschrecke an dieser Stelle gern mit der Hypothese, dass es sich beim Mehrschmutz um abgestorbene Corona-Viren handeln könnte. Die müssen ja irgendwo bleiben. Zumindest gibt es nach dem Äußern dieser Mutmaßung ein kurzes, amüsantes Aufblitzen des Entsetzens, das aber rasch von der so genannten Vernunft herabgedimmt wird.)
Es sind natürlich die Autos, die Industrie, die Nachbarn, man selber - alles Tun wirbelt Schmutz auf, der sich weit verbreitet fragend niederlegt und auf unsere Antwort wartet.
Mal ist er mehr grau, zementartig, mal mehr schwärzlich. Im Staubsaugroboter, welcher über Burnout klagt, bildet er graue, rechteckige Ballen und wirkt dadurch portioniert. Leider kauft niemand Schmutz. Nur eine Frage des geschickten Marketing? Im Geistigen klappt es doch auch.
*
Mir ist, wie jedem Menschen, die Lebenszeit zu kostbar, um sie mit dem Putzen zu verbringen.
Es gibt zudem auch noch Anderes, was getan werden muss und Lebenszeit zusätzlich vermüllt: Reparaturen, bürokratische Briefe beantworten, Werbeblöcke aushalten, Krank sein, Updates abwarten. Insgesamt dürften, wenn man auch noch stoffwechselbedingte Auszeiten und den Schlaf abzieht, höchstens 5 Prozent Lebenszeit übrigbleiben.
Die große Kunst ist nun, diese kostbare Zeit nicht mit dem Nachdenken über den Schmutz zu vergeuden.

Die zehnte Welle (Impressionen)

Es ist 2024 und es gibt gute Neuigkeiten.
Der Impfstoff von "Klosterfrau Melissengeist" scheint auch gegen die Kasseler, Elberfelder, Plauener und ein paar ausländische Mutationen wirksam zu sein.
Trotzdem steigt die Inzidenz, wahrscheinlich durch die erlaubten Treffen von einer Person mit einer Person oder einem Haustier aus mehreren Haushalten, vielleicht aber auch nur, weil Tausende in vollen Zügen zur Arbeit pendeln.
Frisöre dürfen auch Kinder unterrichten.
Das Impftempo, so der Kanzler, müsse an Fahrt aufnehmen, weswegen er für die schnellstmögliche Zulassung des nordkoreanischen Vakzins "Geimpfter Führer" plädiere.
Die Gesundheitsministerin appellierte an die Hausärzte, die zugeteilten Impfdosen nicht als Schaustücke in der Vitrine aufzubewahren.
Die Dauerausstellung "einstige Bäderkultur an der Ostsee" kann mit einem Soforttest vom selben Tage besucht werden. Der Tourismus ist nun auch offiziell "immaterielles Weltkulturerbe" der UNESCO.
Auf ihrem jüngsten maskenfreien Bundestreffen haben sich die Querdenker kurz vor Eintreffen der Wasserwerfer in Diagonal- und Im-Kreis-Denker gespalten. Einig war man sich lediglich in der Ablehnung der Zuvieldenker.
Die Lokalzeitung berichtet von einem Mann, der seit 2020 die gleiche Atemschutzmaske trägt. Auf ihr wächst bereits Moos.
Die Grünen begrüßen das.

Freitag, 19. März 2021

Schon wieder nur männlich: Impfling, der

Zum ersten Mal in meinem langen Impfleben habe ich vorgestern das Wort "Impfling" gehört.
Ich glaube sogar direkt vom Häuptling, dem Herrn der -linge Spahn.
Na, das wird lustig, dachte ich mir gleich, denn daran kann man sich schon wieder wund-gendern.
Thrombosefördernde Zornesanwallungen sind voraussehbar.
Allerdings würde sich auch beim Impfling zeigen, dass nur die Guten in die Gendermühle kommen, denn der "Impfmuffel" wurde ebenso nicht geschlechtsneutralisiert wie Mörder, Täter, Wüstling, Bösewicht, Unhold undsoweiter. Das Böse bleibt männlich.
("Die Unholde" ginge, wäre aber unhöflich.)
Jedenfalls hats beim Muffel keine(n) gestört.
Der Impfling aber, sage ich voraus, wird noch bluten.
Den "Flüchtling" hat man ja auch nicht hingenommen, ebenso wenig wie den "Lehrling". Adäquat stehen wir jetzt sprachlich kurz vor "Geimpftwerdende" (bzw. "Geimpftwerdensollendeabernochnichtkönnende").
Denn ist der Impfling nun ein schon Geimpfter oder ein Kandidat dafür?
Wirkt es nur bei mir verkleinernd (wie Setzling, Winzling, Beutling usw)? Wie ein Pilz im Walde (Pfifferling)?
Oder gar beleidigend (wie Hänfling)?
Ich wäre ja gern ein praktizierender Impfling, muss aber noch warten.
Ein Spätling im Frühling.

Mittwoch, 17. März 2021

Krisen - Körner 4

Es wird sich zu viel beim Virus beschwert. Weil dieses aber nicht zuhört, beschwert man sich bei der Regierung und wirft ihr vor, dass sie nicht zuhört.
*
Es fehlt ebenso viel psychologische Begleitung wie Impfstoff. Statt so viel über Lockerungen draußen muss mehr über die Spannungen im Inneren gesprochen werden. Viele Menschen werden zu gefährlichen kleinen Druckkesselchen.
*
Die Leute setzen gequälten Ausdrucks die Maske auf, statt froh zu sein, sie als Schutz zu haben. Auch Mindestabstände werden als Gängelei missverstanden statt als wirksames Instrument. Und deshalb so schlecht eingehalten.
Solange Schutz als Repressalie fehlinterpretiert wird, sind wir schlecht geschützt.

Montag, 15. März 2021

Nachgeschlagen zu: Weckruf, der

Bislang kannte ich das, was man einen Weckruf nennen könnte, nur aus dem Morgenmunde der Muezzine in islamisch geprägten Ländern.
Aber seit den Landtagswahlen gestern kaut jeder Unionspolitiker, als sei es ein Passwort, auf dem Begriff herum.
Der Weckruf sei ergangen, müsse erhört werden, ist erschallt, alles Mögliche, nur geweckt hat er wohl noch nicht richtig.
Hat ein normaler Mensch jemals in seinem Leben das Wort “Weckruf” verwendet?
(Das muss Markus Söder durch den Kopf gegangen sein, worauf er lieber "Wake-Up-Call" sagte. Als sei er in einem schicken Berliner Hotel und müsse pünktlich zur Kanzler-Vereidigung erscheinen.)
Aber woher der Griff zu diesem Wort, seit es mit dem "Weckruf 2015" versprengter Afd-Leute eigentlich unverwendbar geworden war?
Mein erster Verdacht hatte sich sofort bestätigt: es konnte nur aus der Bibel sein!
“1Thess 4,16 Denn der Herr selbst wird, sobald sein Weckruf ergeht, sobald die Stimme des Engelfürsten erschallt und die Posaune Gottes ertönt, vom Himmel herabkommen...”
Nun lässt sich nur noch spekulieren, wer in Sachen Union Engelfürst und "Herr selbst" ist und von wo auch immer er herabkommt.
Hoffentlich nicht ganz herunter.

Samstag, 13. März 2021

Evolution der Kommunikation

1975:
“Ich war in der Gegend und dachte, ich komm’ einfach mal spontan vorbei.”
“Wie schön! Komm rein!”
*
1985:
“Ich wollt nur mal anrufen. Stör ich?”
*
1995:
“Auf deine letzte Mail möchte ich heute antworten…”
*
2005:
SMS “Alles Gluten zum Geburts Trage!”
*
2015:

Mittwoch, 10. März 2021

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (6)

Wenn die so genannten Dienstleister, sobald die Dienste versagen, immer häufiger automatische Systeme einsetzen, bevor man mit einem echten Menschen, mag er noch so lustlos sein, sprechen darf, sollte ich als Kunde fairer Weise ebenfalls diese Techniken einsetzen dürfen.
Bis jetzt besteht ein zunehmendes Ungleichgewicht der Kräfte. Auf der beklagten Seite unzählige verkoppelte Hochleistungsprozessoren, auf der anderen Seite einzig mein gemartertes Bio-Hirn.
Ich bin sicher, dass das zukünftige Verhältnis von Kunde zu Dienstleister davon bestimmt wird, wer die intelligentere Technik hat und dadurch Tarifsysteme und Leistungsansprüche bestimmt.
Gestern beispielsweise stand ich mal wieder störungsbedingt mit dem einzig verbliebenen Smartphone bei der Telekom einer chinesischen Mauer gegenüber aus automatischen Diagnosen, die nichts finden, einem Chatbot mit dem Intellekt eines Dreijährigen und dem Klicksumpf des automatischen Kundencenters.
Natürlich kann man auch richtig anrufen und versuchen, Sprachmuster auszusenden, die einem Zugang zur “Der-nächste-freie-Mitarbeiter”-Schleife verschaffen. “Voraussichtliche Wartezeit: 20 Minuten”.
In diesen Minuten, die ich infolge menschlicher Schwäche nicht zu Ende aushielt, hätte ich gern Fragen gestellt in der Preislage von: “Handelt es sich um ein Versehen, dann sagen Sie Versehen. Ich habe Sie nicht verstanden. Handelt es sich um eine Vertröstung, dann sagen Sie jetzt: Vertröstung. Ihre Antwort kann zu Trainingszwecken aufgezeichnet werden...der nächste freie Kunde” usw. usf.
Ja und nicht ich selber will mir die Fron auferlegen, diese peinigenden Fragen zu stellen, sondern es müsste eine Äpp geben, die alles für mich macht. “Kampfkunde 2.0.”, nie aufgebend, hartnäckig bohrend tief in das System der anderen Seite.
Auf der Hotline der Krankenkasse sagte ein arroganter Bot, dass ich das Problem in wenigen Worten schildern solle. Das Problem zeichnete sich aber genau dadurch aus, dass es sich nicht in wenigen Worten schildern ließ. Als ich sagte, dass es sich um ein Problem handele, das sich nicht in wenigen Worten schildern ließe, forderte die Stimme mich erneut auf, in wenigen Worten… ich habe das Biest dann angelogen und was gebrabbelt, wo “Zusatzleistung” vorkam, und sofort ging es weiter, aber nicht, wie die Prozessoren dort dachten.
(Bei Kafka hießen sie noch "Processoren").
Die Kundenkampf-Äpp wird schon deshalb ihr Geld wert sein, weil ich mir ja auch selbst einen virtuellen Stundenlohn zugrunde lege. Er übersteigt nicht selten den Streitwert des Anrufes. Aber lässt sich Zugang zu Internet, Telefon und Kabelfernsehen überhaupt in Geld ausdrücken?
Auch die andere Seite bezöge Vorteile aus meiner digitalen Bewaffung: Meine Kunden-KI würde niemals ausrasten, fluchen oder sinnlos drohen. Sie wäre unkaputtbar freundlich.
Sie wäre mein besseres Ich.

Dienstag, 9. März 2021

Gesamttrend immer noch positiv

Insgesamt, muss man doch auch mal sagen, ist das Familienleben des englischen Königshauses seit Heinrich dem Achten deutlich harmonischer geworden.
Damals hatte Anne Boleyn nicht einmal die Möglichkeit, sich in einem Interview über den unsäglichen Druck zu beschweren, einen Thronfolger gebären zu sollen. Selbst wenn sich ein Boulevard-Talk oder wenigstens ein intrigentriefendes Bühnenstück hätte ergeben können, kam ihre Enthauptung allem zuvor.
Später hatte Shakespeare ein heute wenig gespieltes Stück über Heinrich den Achten auf die Bühne gebracht, dessen erster Titel übrigens “Alles ist wahr” lautete.
Musste man schon damals dranschreiben.
Fazit: solange nicht wenigstens jemand im Tower eingekerkert wird, wird die Königsfamilie kaum an die Spannung früherer Staffeln anknüpfen können.

Montag, 8. März 2021

Das Werbe-Paradoxon

Immer mehr Werbung im Internet wirbt dafür, sich von Werbung freizukaufen.
Ist das der wahre Grund, dass sie immer nerviger daherkommt? All die grell-gute Laune in ihr soll mich nur in ein Abo treiben, das mit “werbefrei” wirbt.
Vermutlich wird von den Machern der Werbespots jetzt bereits verlangt, möglichst viel aggressive Ablehnung im Betrachter auszulösen, damit er zur werbefreien Bezahlvariante des jeweiligen Wirtes wechselt.
Würde vieles erklären.
Einen Musikdienst habe ich richtig abonniert und brauche dort deshalb nie durch Angeschrienwerden zu erfahren, was mir fehlt. Erlöst sein von frohen Botschaften ist heute ein großer Luxus.
Leider kann ich mir nur Luxus-Inseln leisten. Sollte ich alles, was ich im Internet sehen oder hören will, auch bezahlen, wäre es zwecklos, mir Werbung zu schicken, weil ich ja alles Geld schon dafür ausgegeben habe, nicht erfahren zu müssen, wo ich Geld ausgeben soll.
(Letzten Satz bei Bedarf zwei Mal lesen.)
Ich kenne im Übrigen niemanden, der Werbung liebt.
Wahrscheinlich ließe sich mit ihr überhaupt kein Geld verdienen, sollte sie geliebt werden.
Denn dann bezahlte niemand mehr dafür, sie abgeschaltet zu bekommen.
Sie wäre an sich selbst gescheitert.
Grandios gescheitert.
Aber jeder Werbespot verrät mir: sie wissen es und fürchten es.

Mittwoch, 3. März 2021

Wandertag: Im Nebel am Blankensee

Die paradoxe Illusion, die der Nebel stiftet, ist der Eindruck von Unendlichkeit, obwohl er die Sichtweite verkürzt.
Man wird nicht mehr durch ferne Ziele abgelenkt vom Wesentlichen: dem Hier.
In dieser Begrenztheit kann man sich besonders gut weiten.

Ein Baum, der ungehindert gewachsen ist, ist eine stolze Chronik freier Entscheidungen: wohin dieses Jahr verzweigen?
Die menschliche Formulierung "Entscheidungen gefällt" verweist ausgerechnet auf eine Axt. So geht es ja oft auch gern zu bei uns.
Da ich im Naturschutzgebiet bin, muss dieser wunderschöne Baum nicht mit verhängnisvollen gefällten Entscheidungen rechnen.
Aber auch allein bleiben.

Brücken scheinen in bester Absicht gebaut und wirken trotzdem manchmal wie eine Falle.
Ich meide diese lieber.

Hinter der überschwemmten Wiese liegt der (im Nebel nicht sichtbare) Blankensee. Ein riesiger Wasservogel-Rastplatz.
Noch keiner da, denke ich.
Da erhebt sich plötzlich für eine halbe Minute das Geschnatter hunderter heute unsichtbarer Gänse.
Ist es Beifall? Ein Gebet? Eine Klage? Oder nur ein "Ich bin's"?
Auch das bleibt nebulös.