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Montag, 3. Mai 2021

Das Frustvirus

Immerßu is Demo, jammert der Berliner.
Wenn er Glück hat, sind die Straßen dicht. Wenn er Pech hat, ist auch sein Auto ramponiert, das er ja eigentlich gar nicht braucht.
Wenn die revolutionäre Mai-Demo in Berlin das revolutionärste ist, was dieses Land hervorbringt, muss man sich vor einer Revolution nicht fürchten.
Sie besorgt zuverlässig die Diskreditierung berechtigter Kapitalismuskritik.
Dieses Mal aber gab es noch etwas Mutation.
Denn auch im letzten Winkel der Protestkultur ist die Erzählung angekommen, dass die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung vor allem den machtlüsternen Sadismus der Mächtigen bedienen. Auch die Mairevolutionäre sind auf diesen Leim gekrochen.
Die Herrschenden würden, heißt es im Demo-Aufruf, mit ihren Pandemie-Maßnahmen versuchen, “den Begriff Solidarität zu erbeuten”. “Willkürliche Ruhe” und “dauerhafte Überwachung” werden beklagt,"um Kontrolle, Verschärfung und Gewalt europaweit auszubauen".
So manche Corona-Maßnahme der Regierung halte ich durchaus für nicht zielgenau, zu spät oder unentschlossen, aber den Regierenden zu unterstellen, sie hätten nur auf eine Gelegenheit gewartet, um mit Atemschutzmasken endlich das Volk zu knebeln, ist mir entschieden zu fiebrig. Es müssten ja weltweit auf einmal sämtliche Ministerräte unterjochungsgeil geworden sein, mit Ausnahme der Gegenden, wo man lieber noch ein Gräberfeld mehr aushebt als etwas Wirksames zu unternehmen.
Nein, hier wurde Vorgekautes in den Mund genommen.
Mit dem Einstimmen in die Querdenker-Chöre ist die ‘revolutionäre’ Mai-Demo quasi mutiert.
Das virale Erbgut des grundsätzlichen Verächtlichmachens von Demokratie und Regierungen ist ohne jede Immunreaktion aufgenommen worden. Wie man sieht, kann es jetzt dank der Verkapselung in Corona-Frustration, unabhängig von Rechts oder Links, in jede Protestströmung leicht eingebracht werden.
Immerßu is Demo, jammert der Berliner.
Und immer öfter die gleiche.

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